Ankunft China

Über die Grenze nach China


Vor knapp zwei Wochen ging es über die Grenze nach China.

Davor war ich nur ein paar Tage in Kasachstan – irgendwie fühlte es sich dort eher wie ein Transitland an. Aber der Charyn-Canyon war nochmal ein echtes Highlight. Dafür hat sich der kleine Umweg auf jeden Fall gelohnt. Die Neugier der Menschen war dort auch wieder etwas größer als zuletzt – in Kirgistan, Tadschikistan und Ost-Usbekistan war es teilweise schon touristischer, gerade in kleineren Dörfern.

Aber die Gedanken waren ohnehin schon oft bei China – mit einer Mischung aus Vorfreude und Nervosität.


Zum ersten Mal auf dieser Reise hatte ich wirklich ein mulmiges Gefühl vor der Grenze. Ich wusste nicht, wie streng sie sind, ob es Probleme geben wird, gerade bei der Einreise.

Aber im Nachhinein war alles halb so wild: ein paar Fragen mehr, ein bisschen Scannen – aber insgesamt deutlich entspannter, als ich erwartet hatte. Die chinesische Grenzstation war riesig, geordnet und deutlich strukturierter als auf der kasachischen Seite. Und kaum war ich drüben, musste ich mein erstes Selfie machen, Geld abheben und eine SIM-Karte besorgen – alles problemlos.

Die ganze Nervosität war im Grunde umsonst.


Was aber sofort auffällt: Das Internet funktioniert hier anders. Dienste wie WhatsApp, Instagram oder YouTube sind gesperrt – und genau damit beginnt das Besondere an China.

Fast jeder Tag hatte bisher etwas völlig Eigenes:



Tagesnotizen aus dem Westen Chinas


Tag 1

Ein Restaurantbesuch in einem kleinen Dorf – klingt unspektakulär, war es aber nicht. Ich spürte sofort, was es bedeutet, hier Ausländer zu sein. Alle starrten mich an, Kinder beobachteten mich beim Essen. Gleichzeitig bestaunte ich selbst die Kultur: tanzende Menschen im Park, spielende Gruppen, Leben überall.


Tag 2

Ich traf Paul. Wir redeten stundenlang über die Region und meine Reise. Er kannte Radreisende nur aus dem Internet – jetzt saß plötzlich einer vor ihm. Später zeigte er mir seinen Lieblingsplatz. Dann weiter durchs seltsame Kokdala – eine riesige, neu gebaute Stadt, noch voller leerer Hochhäuser. Auf Satellitenbildern ist es noch ein Dorf, in Wirklichkeit fährt man durch breite Straßen und leere Blocks. Das sollte mir noch öfter passieren.

Abends erreichte ich Yining – eine „kleine“ Stadt mit immerhin 700.000 Einwohnern.


Tag 3

Ein radfreier Tag in Yining. Ich ließ die Stadt auf mich wirken. Die Abende in den Parks waren besonders: Tanz, Musik, Gemeinschaft – schwer zu beschreiben, aber sehr lebendig. Der sternförmige Park war ein Highlight. Und wieder: viele Blicke, viele Selfies, viele „Wows“.


Tag 4

Frühstück mit Paul, dann aufs Rad. Ab diesem Tag begleitete mich die Polizei – mal mehr, mal weniger sichtbar, in dieser Region hier nicht unüblich. Abends wurde ich von einer chinesischen Familie eingeladen – ein schöner Einblick ins Leben vor Ort. Die Nacht verbrachte ich auf einem Parkplatz neben der Hauptstraße.


Tag 5

Erster Pass in China. Später ein Touristenort mit nettem Gespräch mit der Polizei, Registrierung in der Polizeistation, Zelt mitten auf einem öffentlichen Parkplatz in der Stadt. Abends etwas Sightseeing.


Tag 6

Touristenstraße entlang des Sees – eine wunderschöne Strecke. Zwischendurch durfte ich kurz reiten, traf mehrere chinesische Radreisende. Es gab viele Geschenke – Snacks, Getränke.

Abends im Dorf kamen zwischenzeitlich 10–15 Leute um mich herum zusammen. Ich kam kaum zum Essen.



Berge, Jurten, Gastfreundschaft


Danach wurde es etwas ruhiger – oder ich gewöhnte mich einfach an das, was vorher noch besonders war. Getränke und Snacks wurden fast zur Normalität.

Dann ging es in die Berge – mit tollen Schlafplätzen: Zelten im Yurtcamp, enorme Gastfreundschaft, einmal von einer kasachischen Familie. Am nächsten Tag wieder in einer Jurte geschlafen, dann ging’s weiter – ein Pass über 3.000 m.

Die G217 ist eine der bekanntesten Straßen Chinas, wenn es um Natur geht – zu Recht. Allerdings auch einiges los: Staus am Pass, oben noch etwas Schnee, dann eine traumhafte Abfahrt.


Ich entschied mich gegen die einfachere Hauptstraße und nahm die bergige Route. Mehr Höhenmeter, mehr Serpentinen – aber vermutlich deutlich schöner. Auch hier wieder Einladungen: eine Familie aus Holland, die ihre Verwandten besucht, und erneut eine kasachische Familie im Yurtcamp.

Ich wollte nur zelten, aber sie bestanden darauf, dass ich bei ihnen esse, in der Jurte schlafe – und nichts bezahle. Ein unvergesslicher Abend.


Dann erneut ein ganzer Tag mit Polizeibegleitung, die mich schließlich bis ins nächste Dorf brachte. Dort kam ich in ein spezielles Hotel für Ausländer. Per Polizeiauto wurde ich sogar noch in die Stadt gebracht.

Danach weiter alleine mit dem Rad Richtung Urumqi – beeindruckend, diese riesige Stadt mit über 4 Millionen Einwohnern.

Und genau hier bin ich jetzt.



Meine Gedanken


Ich hatte ehrlich gesagt nicht besonders viel erwartet. Auf den Satellitenbildern sah der Westen Chinas einfach nach Wüste und Steppe aus. Und auch sonst hatte ich kaum Reiseberichte gefunden. Aber genau deshalb überrascht mich diese Region gerade umso mehr.

Es fühlt sich irgendwie besonders an. Kein perfektes Reiseland – aber ein sehr, sehr gutes.


Die Menschen sind unglaublich herzlich. Auch wenn kaum jemand Englisch spricht, bekomme ich das in ganz vielen kleinen Momenten mit. Und auffällig oft sind es Leute mit kasachischem Hintergrund, die besonders offen und interessiert sind. Das hatte mir sogar jemand vorher schon erzählt – und ich kann es nur bestätigen.


Klar, zwei kleine Haken gibt’s:

Die Polizeieskorten – und die manchmal schwierige Schlafplatzsuche. Aber selbst das war nicht schlimm, nur etwas nervig. Ansonsten ist es einfach ein Traum zum Radreisen.


Spannend ist auch, wie groß das Interesse an mir ist. Viele haben noch nie einen Ausländer gesehen. Als ich z. B. mal auf einem Parkplatz übernachtet habe, kam ein junger Mann vorbei. Wir unterhielten uns über eine Stunde lang mit Google Übersetzer. Irgendwann meinte er, dass ich der erste Ausländer sei, den er je gesehen habe. Und das mit 19 Jahren!

Er lebt in einer touristischen Region – aber halt in einer, in der nur chinesischer Inlandstourismus stattfindet. Vielleicht liegt es auch daran, dass westliche Medien hier nicht genutzt werden. Viele haben also kaum Bilder oder Eindrücke von Ausländern. Und manchmal höre ich beim Vorbeigehen tatsächlich ein ehrliches, fast ungläubiges „Wow“.


Einfach so etwas geschenkt zu bekommen ist auch nichts Ungewöhnliches. Ich hatte Tage, da bin ich morgens mit leeren Taschen losgefahren und hatte abends alle Seiten voll – mit Snacks, Getränken, einem Fächer oder sogar einer Postkarte.

Einfach, weil die Leute nett sein wollten. Die Frau mit der Postkarte kam sogar noch einmal zurück, nur um sie mir zu geben. Und sie strahlte dabei so ehrlich – das war besonders.


Neben diesen Begegnungen war auch die Natur richtig schön. Beim Aufstieg dachte ich kurz an den Großglockner – obwohl es natürlich nicht direkt vergleichbar ist. Und dann die Hochebene mit den Jurten – das hatte fast ein bisschen Kirgistan-Feeling.

Leider konnte ich nicht alles so entspannt genießen wie geplant. Wegen einer Baustelle und der Pflicht zur Hotelübernachtung musste ich die Region einen Tag früher verlassen.

Aber trotzdem: eine wunderschöne Zeit.



Blick nach vorn


Ich habe mein Hostel um eine Nacht verlängert. Einfach, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen.

Es gibt noch ein paar Sachen zu tun: zwei Speichen austauschen, neues Ladegerät kaufen, die Route für die nächsten Tage planen. Und vielleicht auch ein bisschen was schreiben.


Außerdem ist morgen mein Geburtstag.

Ich glaube, das wird ein guter Tag. Ich bin nicht zum ersten Mal alleine an meinem Geburtstag, aber es ist trotzdem immer ein bisschen besonders.

Vielleicht radle ich einfach los, irgendwohin, und schaue, was der Tag bringt.

Heute Abend gönne ich mir auf jeden Fall ein entspanntes Reinfiern. Der Kühlschrank im Hostel ist jedenfalls schon ganz gut gefüllt.


Danach kommt die Wüste. Noch ist es heiß – heute fast 40 Grad – aber in zwei, drei Tagen soll es deutlich kühler werden. Und es geht nach Norden, das hilft auch. Ich hoffe einfach, dass es nicht zu extrem wird.

Aber ich habe Lust auf die Strecke. Und dann wartet auch schon die Mongolei.


Ich weiß noch nicht, wie genau das wird. Manche sagen, es sei anstrengend, andere schwärmen. Aber die, die wirklich dort waren, sind oft begeistert.

Ich bin also vorsichtig gespannt.



Wie geht’s mir?


Gut.


Auch nach der zweiten Polizeieskorte hat sich alles schnell wieder entspannt. Die zweite war sogar schon deutlich angenehmer als die erste – die haben wenigstens mit mir geredet.

Aber insgesamt: Ich fühle mich wohl hier.


Die erste Zeit in China war insgesamt sehr positiv. Ich hatte vorher gesagt: Ich erwarte vom Westen Chinas nicht viel.

Und jetzt ist es vielleicht sogar die Region, die mich am meisten begeistert hat. Auch wenn die Stadt, in der ich gerade bin, nicht besonders heraussticht – sie gefällt mir.

Ich laufe gerne durch die Straßen. Ich mag die Menschen.


Ich bin gespannt, wie sich mein Geburtstag morgen anfühlt. Ich glaube: gut.

Vielleicht ein bisschen komisch, aber das gehört irgendwie dazu.

Und ich weiß, was ich an solchen Tagen brauche:

Ruhe, ein Fahrrad, ein paar nette Menschen am Wegesrand – mehr nicht.



Auch neu

Meine Gedanken zu der Frage Einsamkeit. 

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