Es gibt diesen einen Moment, in dem jedes Abenteuer beginnen muss. Für mich war es der 10. August 2024 in meiner Heimatstadt Marl. Deutschland, das Land, in dem ich bereits so viel erlebt hatte, wurde zum Ausgangspunkt für etwas völlig Neues. Besonders war dieser Start auch deshalb, weil die ersten Etappen meiner Route identisch mit jener von 2021 waren – als hätten zwei grundverschiedene Reisen denselben Ursprung. Am ersten Tag führte mich mein Weg an meiner ehemaligen Wohnung in Essen vorbei, in der ich fast zwei Jahre gelebt hatte. Mit jedem Tritt in die Pedale ließ ich nicht nur diese Wohnung hinter mir, sondern symbolisch auch die vergangenen 24 Jahre meines Lebens. Die ersten Tage in Deutschland gestalteten sich mental herausfordernd: Einerseits zog es mich in die Ferne, zu neuen Ländern und Horizonten. Andererseits musste ich mir bewusst machen, dass auch diese heimatlichen Kilometer vollwertiger Teil meiner Reise waren. Dass auch hier Schönheit auf mich wartete.
Und tatsächlich begann ich mit der Zeit, den Weg durch vertrautes Terrain zu genießen. Ich realisierte, wie viel ich von Deutschland bereits kannte, und passierte zahlreiche Orte, mit denen mich persönliche Erinnerungen verbanden. In München erledigte ich noch letzte Verpflichtungen für die Universität, hielt meinen finalen Zoom-Call und komplettierte meine Fahrradausrüstung mit den lang ersehnten Vordertaschen. Dann ging es hinein in die Alpen, wo bald das zweite Land meiner Reise auf mich wartete.
In Österreich begrüßten mich sofort die majestätischen Berge. Natürlich wusste ich schon vor der Reise um meine Liebe zu den Alpen – doch wenn man wirklich mitten in ihnen ist, entfaltet sich eine ganz eigene Magie. Hinter jeder Kurve offenbart sich ein neues Panorama, ständig gibt es etwas zu bestaunen.
Dann stand er vor mir – der erste Pass und gleich der Großglockner. Die Geschichten und beeindruckenden Bilder, die ich von ihm kannte, hatten meine Neugier geweckt. Also wagte ich den Versuch nach dem Motto: Ich versuche es – und wenn es gar nicht geht, rolle ich eben wieder runter. Eine Philosophie, die sich letztlich darin zeigte, dass ich es fast immer zumindest probierte – und meist auch schaffte. Eine Haltung, die mich auf dieser Reise noch oft begleiten sollte.
Mit 2.540 Metern markierte dieser Gipfel nicht nur einen landschaftlichen, sondern auch einen körperlichen Höhepunkt. Denn nun wusste ich: Wenn ich das schaffe, ist alles möglich. Vor der Reise hatte ich daran gezweifelt, da ich kaum gezielt trainiert hatte. Jetzt war klar: Meine Beine sind dieser Herausforderung gewachsen.
In den Alpen stellte ich auch meinen persönlichen Geschwindigkeitsrekord auf – irgendwo bei 63 oder 64 km/h auf einer Abfahrt. Es folgte ein kurzer Abstecher nach Italien – nur etwa 20 Kilometer, aber landschaftlich unglaublich schön. Ich wusste damals noch nicht, dass ich später zurückkehren würde. Umso intensiver nahm ich diese ersten Eindrücke auf – als seien sie vielleicht die einzigen.
In Slowenien wartete in der ersten Nacht eine wichtige Premiere: mein erstes Wildcampen auf dieser Reise. Vor drei Jahren hatte ich davor noch großen Respekt – nicht aus Angst, sondern eher aus Sorge, entdeckt zu werden. 2023 hatte ich erste Erfahrungen gesammelt, und es wurde schnell zur Routine. Doch irgendwie blieb dieses ungute Bauchgefühl in Deutschland und Österreich bestehen. Vor meiner Abreise hatte ich mir fest vorgenommen, stets auf mein Bauchgefühl zu hören – ursprünglich dachte ich dabei an die unbekannteren Länder auf meiner Route. Doch ich erkannte: Gerade in vertrauter Umgebung war dieses Gefühl ebenso wichtig.
Jetzt wollte – und musste – ich wildcampen. Da Slowenien nicht deutschsprachig ist, fühlte es sich auch irgendwie leichter an. Im Notfall könnte ich mich immer noch als ahnungslosen Touristen ausgeben. Obwohl mein Schlafplatz eigentlich gut gewählt war, verbrachte ich eine unruhige Nacht. Und der folgende Tag wurde der erste, an dem meine Stimmung merklich getrübt war. Hinzu kamen noch zwei gleichzeitige Bienenstiche. Trotzdem hinterließ Slowenien mit seiner unberührten Natur und den wundervollen Wegen einen positiven Eindruck.
Ljubljana hingegen konnte mich nicht vollständig überzeugen. Als ich die Stadt in meinen Reiseberichten als „okay“ beschrieb, erhielt ich prompt meine erste und bisher einzige negative Rückmeldung. An alle Ljubljana-Enthusiasten: Ich verspreche, zurückzukehren. Und dann nehme ich mir mehr Zeit für eure Stadt.
In Kroatien führte mich mein Weg zunächst direkt nach Zagreb. Dort gönnte ich mir ein Hostel – angenehm, doch ich stellte schnell fest: Im Zelt fühle ich mich inzwischen wohler. In Städten ist diese Option allerdings nicht immer realisierbar. Danach traf ich meine erste größere Routenentscheidung: Statt direkt Richtung Istanbul zu radeln, würde ich zunächst die Adria erkunden – damit stand fest, dass ich noch eine ganze Weile in Europa bleiben würde.
Auf dem Weg zur Küste legte ich einen Wandertag im Nationalpark Plitvicer Seen ein – eine zu Recht berühmte Touristenattraktion. Glücklicherweise beschränken sich die meisten Besucher auf die kurzen Rundwege – meine 20 km lange Wanderung durch den Park verlief nahezu menschenleer. Ein kostbarer Moment inmitten üppiger Natur.
Weniger angenehm, im Nachhinein aber fast amüsant, war meine erste Begegnung mit einem freilaufenden Hund. Anfangs lief er nur im anliegenden Garten mit, doch plötzlich endete der Zaun – und der Hund stand direkt neben mir. Er verfolgte mich einige hundert Meter. Damals empfand ich die Situation als beängstigend. Heute, nach zahlreichen weiteren Hundebegegnungen in anderen Ländern, erscheint mir dieser Vorfall fast harmlos – fast wie eine freundliche Begrüßung.
An der Küste angekommen, nutzte ich sofort die letzten Sonnenstrahlen des Tages für ein erfrischendes Bad im Meer. Die folgenden Wochen entlang der Adria waren wahrhaft idyllisch – viele Momente, in denen ich meine Mittagspause für eine kurze Abkühlung im kristallklaren Wasser nutzen konnte.
In Zadar unterbrach ich meine Reise kurzzeitig: Für vier Tage kehrte ich nach Hause zurück, um meine Bachelorarbeit zu verteidigen. Der Abschluss war noch nicht ganz final – ich musste noch auf meine Note warten. Trotzdem hatte ich ein gutes Gefühl, endlich etwas hinter mir zu haben, was mich in den letzten Wochen immer begleitet hatte. Der Übergang von der Uni in die Reise fühlte sich nun definitiv weniger wie eine Übergangsphase an.
An einem der letzten Tage in Kroatien übernachtete ich auf einem Campingplatz, den ich 2016 mit meinen Eltern besucht hatte. Ab diesem Punkt würde alles neu sein. Der nächste Ort, an den ich schon mal war, liegt Monate (vielleicht Jahre) entfernt – irgendwo in Südostasien. Dazwischen: nur neue Orte, neue Begegnungen, neue Eindrücke. Ein unbeschreiblich befreiendes Gefühl.
Kroatien – besonders die Küstenregion – präsentierte sich zwar in atemberaubender Schönheit, war jedoch auch stark vom Tourismus geprägt. Ich führte dort interessante Gespräche, doch manchmal wurde mir das Gedränge zu viel. Umso mehr genoss ich die ruhigeren Abschnitte im Landesinneren. Da ich mittlerweile beschlossen hatte, Herbst und Winteranfang in Südeuropa zu verbringen, verlor meine Reise auch innerlich etwas an Tempo. Und das war gut so. Jeder Umweg fühlte sich plötzlich nicht mehr wie eine Verzögerung an – sondern wie ein Geschenk.
So auch der Abstecher ins nächste Land: Bosnien und Herzegowina. Ein Land, über das ich vorher kaum etwas wusste, das mich aber mit offenen Armen empfangen sollte.
Es waren nur zweieinhalb Tage, und eigentlich stand das Land gar nicht auf meinem Plan – es war eher der Weg zur südwestlichen Grenze Montenegros.
Dennoch habe ich in dieser kurzen Zeit einiges erlebt, an das ich mich ohne langes Überlegen erinnere. Erstmal wurden direkt zwei Touristenattraktionen abgehakt: zuerst der Wasserfall Kravica und danach Mostar. Beides war ziemlich voll, den Eintritt für den Wasserfall hätte ich mir sparen können – immerhin war der Kaffee dort günstig. Mostar war vor allem in dieser einen Straße extrem überlaufen. Die war zwar wirklich schön, aber ich habe eben auch die restliche Stadt gesehen, die ziemlich heruntergekommen wirkte. Dadurch blieb bei mir ein anderes Bild hängen als bei vielen anderen, die nur mit dem Bus zu den Highlights gebracht wurden.
Am zweiten Tag ging es dann in die Wildnis – genau so hatte ich es mir eigentlich für Montenegro vorgestellt, aber nun war es eben hier schon so weit. Ich sah mehr Kühe und Ziegen als Menschen – also alles perfekt. Am Abend bekam ich sogar noch Besuch von einer Kuhfamilie direkt am Zelt. Auch der letzte Schlafplatz war richtig schön – und danach ging es weiter in das Land, auf das ich mich in Europa am meisten gefreut hatte.
Angekommen in dem Land, auf das ich mich von Anfang an mit am meisten gefreut hatte – auch wenn ich außer ein paar Bildern eigentlich nichts darüber wusste. Diese Bilder hatten hohe Erwartungen geweckt, und Montenegro hat sie nicht nur erfüllt, sondern übertroffen.
An Papas Geburtstag überquerte ich bei einem kleinen, unscheinbaren Grenzübergang und über eine wackelige Holzbrücke die Grenze. Alles verlief reibungslos – und kaum im Land, begann es schon traumhaft: eine wunderschöne Schlucht, durch die sich die Straße wand, manchmal durch enge, etwas gruselige Tunnel, aber immer mit großartigem Ausblick. Es ist schwer, einer solchen Landschaft mit Worten gerecht zu werden. Vielleicht sagen die Fotos mehr – auch wenn selbst diese nur einen Teil der Schönheit einfangen können.
Ich könnte über jeden der vier Tage hier seitenweise schreiben – die Langversion taucht sicher nochmal bei den „Highlight-Tagen“ auf – aber hier eine kurze Zusammenfassung:
Die Landschaft war unglaublich vielfältig. Man weiß kaum, was man am schönsten finden soll: die erste grüne Schlucht? Den Panoramaweg auf der Hochebene? Die nächste enge Felsschlucht, die steilen Steinklippen im Süden, der Skutarisee, oder die Bucht von Kotor? Selbst die Wege dazwischen waren voller Eindrücke. Und sicher habe ich noch einiges vergessen.
Auch die Begegnungen mit Menschen waren hier besonders. Bei einer Straßensperrung – eigentlich hätte ich 60 Kilometer Umweg fahren müssen – lernte ich, dass man keine gemeinsame Sprache braucht, um sich zu verstehen. Kurz darauf saß ich im Auto eines Einheimischen, wir warteten eine Stunde bei Kaffee und Schnaps, bis die Straße wieder frei war. Wie wir kommuniziert haben? Keine Ahnung – aber es hat funktioniert.
Oder Sascha, den ich auf einem Campingplatz am Lagerfeuer traf. Sein Motto: „Zeltplatz 10 €, Bier inklusive.“ Oder die Bauarbeiter im Nirgendwo, die mich spontan zum Schnaps einluden.
Die Campingplätze wurden zwar einfacher, aber auch schöner. Ich wurde von Nadine und Christoph, zwei Schweizern auf Reisen, zum Frühstück eingeladen – dort sprach ich zum ersten Mal wirklich aus, wie groß diese Reise für mich ist. Mein Zeltnachbar war ein Radreisender aus Neuseeland, der gerade auf dem Rückweg nach Hause war. Und mit Adi aus Österreich feierte ich auf einer Zeltwiese bei zwei gestohlenen Dosenbier meinen Studienabschluss. Ja, richtig – die letzte Note war da, und jetzt war es offiziell: Abschluss in der Tasche, und die Reise konnte richtig losgehen.
Klingt nach einer langen Zeit – aber all das passierte in nur wenigen Tagen. Ich glaube, es gab keinen einzigen Tag in Montenegro, zu dem mir im Nachhinein nicht eine Geschichte einfällt. Ein traumhaftes Land.
Zur Küste kann ich nichts sagen – ich war nicht dort. Und auch die Städte habe ich kaum gesehen. Die Hauptstadt Podgorica fuhr ich nur durch, und der touristische Ort Kotor war mir deutlich zu voll – dort lag gerade ein Kreuzfahrtschiff vor Anker. Nett war es trotzdem, besonders wegen der dramatischen Lage in der Bucht, umgeben von steilen Klippen. Aber vor allem ist es die Natur, die Montenegro für mich so besonders macht.
Und vom nächtlichen Tierangriff – vermutlich ein Fuchs, ich erzähle aber lieber, es sei ein Bär gewesen – habe ich noch gar nicht erzählt. Das wird dann auch im Highlight-Tag-Blogbeitrag vertieft.
Mein Abschluss wurde am nächsten Tag im neuen Land ebenfalls weiter gefeiert.
Der Grenzübergang nach Albanien war vielleicht der, den ich bisher am stärksten gespürt habe. Plötzlich änderten sich die Menschen, die Geräusche, die Gerüche – und vor allem das Leben auf der Straße. Obst, Fisch, Kleidung, alles wurde auf kleinen Tischen oder direkt vom Boden aus verkauft. Es war laut, lebendig, und doch irgendwie vertraut.
Eine kleine Entscheidung veränderte wieder einmal den Lauf der Dinge. Papa schrieb mir, nördlich meiner Route gäbe es einen schönen See – also änderte ich den Kurs. Und dieser spontane Abzweig führte mich auf einen Campingplatz, den ich nicht so schnell vergessen werde. Dort verbrachte ich einen Abend mit acht anderen deutschen Reisenden – und mit Laki und viel Raki. Eine Art verspätete Abschlussfeier. Es wurde laut, herzlich, chaotisch. Und es war genau das, was ich in dem Moment brauchte.
Am nächsten Tag ging natürlich nichts mehr, aber auch eine Zwangspause kann Spaß machen, wenn man sie mit netten Leuten verbringt. Als es wieder möglich war zu fahren, ging’s nach Durrës – ein bisschen Zeit überbrücken, und dann: noch einmal zurück nach Italien.
Wenn ich an Italien zurückdenke, kommt mir zuerst eine schwierige Zeit in den Kopf. Und doch, mit etwas Abstand, war es gar nicht so schlimm – nur intensiver, körperlich wie emotional.
Mit der Nachtfähre ging es von Durrës nach Bari. Die ersten Tage waren gut – herrliches Wetter, schöne Strecken direkt an der Küste. Doch irgendwann führte mich der Weg ins Inland. Eine kurze Pause wurde zum Nachtlager – aus Erschöpfung. Und diese Nacht wurde zum Albtraum. Erst kam Übelkeit, dann Erbrechen, schließlich Durchfall. Beides gleichzeitig, ohne Toilette, irgendwo im Nirgendwo.
Am nächsten Morgen verließ ich den Schlafplatz in einer Baumplantage, schleppte mich zur nächsten Möglichkeit, um zu rasten – einem Campingplatz. Die vielleicht härtesten 30 Kilometer dieser Reise. Ich konnte kaum mehr fahren, machte alle paar Kilometer Pause, alles drehte sich nur noch um das Ziel. Ankommen. Dann endlich: 14 Stunden Schlaf am Stück.
Zu früh versuchte ich weiterzufahren, musste erneut pausieren. Wenigstens lag der Platz direkt am Meer – ein Trost.
Die flachen Strecken an Italiens „Sohle“ waren kaum zu ertragen. Verkehr, schlechte Wege, kaum Abwechslung. Erst als ich wieder in die Berge kam, wurde es besser. Die Landschaft wurde schöner, die Straßen ruhiger. Ich fuhr durch Wälder, erreichte schließlich Sizilien.
Dort eine Mischung aus Küste und Bergen – landschaftlich ein Traum. Nur der Verkehr blieb mir besonders in Erinnerung: laut, dicht, oft chaotisch.
Doch Italien verabschiedete sich nicht mit seiner schönen Seite. Nach der Fähre von Sizilien nach Neapel regnete es drei Tage durch. Auch das war Italien: Herbst, Nässe, Kälte – und dann wieder der Aufbruch. Zurück nach Albanien, zurück auf vertrautes Terrain.
Ein Monat in Italien – anstrengend, kräftezehrend, und doch voller starker Momente. Vielleicht überwiegt in der Erinnerung das Schwere. Aber das Schöne war da. Und es bleibt.
Also ging’s mit der Fähre zurück nach Albanien – zurück nach Durrës, zurück auf den Balkan. Diesmal wollte ich das Land richtig sehen. Die Tage vor Italien hatten meine Neugier geweckt, jetzt war es Zeit, tiefer einzutauchen. Ich fuhr ins Landesinnere – was natürlich auch bedeutete: Höhenmeter. Die Strecke führte durch eine schöne Schlucht, und mit jedem Kilometer spürte ich, dass der Sommer vorbei war. Es war nicht mehr Hauptsaison, alles wirkte ruhiger. Die kühleren Temperaturen, besonders im höher gelegenen Norden, verhinderten zwar ein Bad im Ohridsee, aber die Landschaft entschädigte mehr als genug.
Beim Thema Camping hatte ich immer noch Respekt – ich erinnerte mich gut an meinen ersten Aufenthalt auf einem albanischen Campingplatz, der in einem heftigen Kater geendet hatte. Aber diesmal lief alles ruhig ab. Der Weg lohnte sich, und weil Ohrid so nah war, entstand daraus ein spontaner Abstecher nach Nordmazedonien.
Ein kurzer Abstecher, nur etwa anderthalb Tage – normalerweise würde ich daraus kein eigenes Kapitel machen, aber diese Zeit blieb mir trotzdem stark in Erinnerung.
Ich hatte nur wenige Kilometer vor der Grenze übernachtet, deshalb konnte ich fast den ganzen Tag in Nordmazedonien verbringen – so war jedenfalls der Plan. Doch wie so oft auf dieser Reise: Pläne ändern sich schnell. Am Vormittag entschied ich mich, nicht über den direkten Pass zurückzufahren, sondern einen Umweg zu machen – was mir die Gelegenheit gab, doch noch nach Ohrid zu kommen. Und das hat sich gelohnt.
Ich wollte in der Nähe von Ohrid campen und danach nochmal in die Stadt. Doch der Campingplatz hatte geschlossen. Zum Glück ergab sich schnell ein Gespräch mit zwei Einheimischen – mit ziemlich gutem Deutsch. Sie meinten, man könne überall zelten, selbst mitten im Park in der Stadt. Ganz so öffentlich wurde es dann nicht, aber ich fand einen Platz direkt am Seeufer. Davor schlenderte ich noch durch die Altstadt – klein, aber wunderschön. Auffällig auch die religiöse Aufteilung: christliche und muslimische Viertel nebeneinander, mit jeweils eigenen Bauwerken und eigener Atmosphäre.
Da ich spontan geblieben war, hatte ich kaum noch Essen und kein Geld gewechselt. Also musste ich einen Supermarkt finden, in dem man mit Karte zahlen konnte. Es wurde ein Abend mit schönem Schlafplatz und Besuch von Hund und Katze. Auch der nächste Tag war gelungen – ein Pass, der mich ein bisschen an Zuhause erinnerte, vor allem, als ich ein Auto mit dem Kennzeichenkürzel „RE“ sah. Ein kleiner Fahrradfehler (falsch eingesetzte Kette) war schnell behoben – und am Dreiländereck ging’s wieder zurück nach Albanien.
Ein drittes Mal Albanien – und diesmal das letzte. Und wieder eine Planänderung, diesmal durch Tipps von Einheimischen. Ein nettes Gespräch an einem Dorfkiosk, eines der ersten längeren dieser Art auf meiner Reise. Dort gab es dann auch eines meiner ersten Geschenke von Einheimischen: einen Energydrink, den ich eigentlich gar nicht mag – aber egal.
Ich fuhr durch den Süden, durch Berge und kleine Dörfer. Die Strecke war wirklich schön, auch wenn es zu solchen Etappen oft gar nicht viele Worte braucht. Ein Tipp aus dem Gespräch am Kiosk führte mich zu einer beeindruckenden Schlucht – ein Traum. Als ich unterwegs ein Schild zu heißen Quellen sah, bog ich spontan ab. Ein beliebtes Ausflugsziel, sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen. Ich hielt meine Füße nur kurz ins Wasser, aber noch mehr begeisterte mich die Schlucht, in der ich danach mehrere Stunden wanderte – und gerade noch vor der Dunkelheit zurückkam.
Dann ging’s weiter entlang der Schlucht, bis nach Vlorë. Schöner Stadtname – aber sonst war ich nicht besonders beeindruckt. Es ging weiter die Küste entlang, plötzlich wieder auf über 1.000 Meter Höhe – hatte ich so nicht erwartet. Dafür aber grandiose Ausblicke. Danach ging es schnell Richtung Süden – und schließlich war Albanien vorbei.
Griechenland begann – und es wurde das Land, in dem ich am längsten in Europa blieb. Und das völlig zurecht. Schon in der ersten Nacht ein traumhafter Schlafplatz am Strand. Kein Geheimtipp – massenhaft Camper standen dort – aber das war mir recht. So konnte ich ohne schlechtes Gewissen da zelten. Und es sollte nur einer von vielen perfekten Schlafplätzen in Griechenland werden: am Strand, im Landesinneren, an einsamen Buchten oder irgendwo in den Bergen.
Ich fuhr größtenteils an der Küste entlang, besichtigte historische Stätten und bereute keinen einzigen Abstecher. Auch Olympia stand auf dem Plan – das Museum dort gefiel mir besonders gut. Und da noch Zeit und gutes Wetter waren, nahm ich auch noch die Fähre nach Kreta.
Die kam allerdings erst um 23 Uhr an – nicht die beste Zeit, um noch einen Schlafplatz zu finden. Aber mittlerweile war ich geübt darin, mir über Google Maps etwas zu suchen. Auf Kreta fuhr ich kreuz und quer – mit einigen Höhenmetern und Nächten in den Bergen, wo es teilweise ziemlich windig wurde. Ein Hostel besuchte ich wegen schlechten Wetters – und einen Tag später ging dann mein Handy kaputt. Es fiel auf den Steinstrand, war schwer zu bedienen und machte keine Fotos mehr. :(
Komischerweise hielt die schlechte Laune darüber nur ein paar Stunden. Dann folgten eben ein paar Tage ohne Fotos – traumhafte Strecken bleiben im Kopf. Und von Kreta gibt’s ja sowieso schon genug Bilder. Mit der Fähre ging’s dann weiter nach Piräus – aber vorher noch der Kauf eines günstigen Ersatzhandys. Ganz ohne Fotos und mit eingeschränkter Navigation wollte ich doch nicht bis Istanbul fahren.
Piräus und Athen gefielen mir gut, auch wenn der Campingplatz mich nicht aufnehmen wollte und ich kein Hostel mehr fand. Also nur ein Tagestrip in die Stadt – und am Abend wieder raus. Ich hatte die Größe Athens etwas unterschätzt… naja, vielleicht auch nicht nur „etwas“.
An Tagen wie diesen, an denen zuhause z. B. die jährliche Familienfreizeit stattfand – ein Ritual seit dem Kindergarten – merkte ich auch die Schattenseiten der Langzeitreise. Was man alles verpasst. Aber wahrscheinlich würde ich zuhause noch mehr verpassen.
Mit dem Erreichen der Ostküste Griechenlands begann dann auch der Herbst: Regen, weniger Sonne, keine tollen Küsten mehr. Teilweise tagelanger Regen, ein Sturm mit 100 km/h Böen – aber ich hatte Glück: ein gut geschützter Platz auf einem Campingplatz. Auch wenn dort ein paar Bäume umstürzten.
Die Ostküste war für mich auch die Zeit der Platten. Irgendwann hörte ich auf zu zählen.
Aber immerhin lernte ich, dass Lidl mein Lieblingsdiscounter ist. WLAN, gute Snacks, gutes Gebäck, gute Auswahl – und überall ein Lidl. Nur wurde es dadurch auch etwas teurer, weil ich häufiger und besser aß.
Kurz vor dem Ende von Griechenland kaufte ich dann in Thessaloniki noch dicke Handschuhe – Vorbereitung auf den Winter. Und auf Nordmazedonien.
Ein zweites Mal also Nordmazedonien – diesmal mehr als eine Woche. Ich hatte mich bewusst entschieden, ohne Internet und ohne Bargeld durchs Land zu reisen. Warum? Ich weiß es bis heute nicht genau. Aber es wurde eine kleine Challenge: Schlafplätze ohne digitale Karten, bei Supermärkten auf Kartenzahlung hoffen, keine Streckenänderung auf Knopfdruck.
Die ersten Tage bis zur Hauptstadt waren ruhig. Kein großes Highlight, aber auch kein Grund zur Klage. Von anderen Radreisenden hatte ich gehört, Nordmazedonien sei außerhalb von Ohrid wenig sehenswert – das kann ich nicht bestätigen. Auch wenn hier keine spektakulären Momente auf mich warteten, war es eine schöne, ruhige Strecke. Vielleicht lag gerade darin der Reiz.
Skopje selbst ließ mich eher kalt. Der Weg ins Zentrum führte vorbei an grauen Betonbauten, unfertigen Baustellen, wenig Leben. Vielleicht war ich einfach auf der falschen Seite der Stadt unterwegs – oder ich mag das Draußen einfach mehr.
Aber danach wurde es wieder richtig schön – als es in die Berge ging. Und richtig kalt. Mein dicker Schlafsack wurde zum besten Freund, und die eisigen Morgende zu kleinen Mutproben. Am Pass zur bulgarischen Grenze lag sogar Schnee. Und als Abschluss kam noch ein kleines Geschenk: Der Fahrer vor mir war so begeistert von meiner Reise, dass er mir Schokolade aus dem Fenster reichte.
Im Schnee ging es über die Grenze nach Bulgarien – und so blieb’s dann auch: kalt, grau, wenig Sonne. Die ersten Tage nutzte ich, um mich Richtung Sofia durchzuschlagen. Dort ging’s in eine Unterkunft. Endlich mal wieder ein Dach über dem Kopf, Wäsche waschen – das war längst überfällig.
Beim Reinfahren merkte ich direkt, dass hier die Betonklötze noch mal eine Nummer härter wirken. Erst war ich nicht besonders angetan. Aber je näher ich ins Zentrum kam, desto mehr wandelte sich das Bild. Plötzlich war alles viel schöner. Große, beeindruckende Gebäude, breite Straßen, Plätze – da hab ich dann auch den Nachmittag in der Innenstadt verbracht. Zur Weihnachtszeit ging’s abends noch auf einen Weihnachtsmarkt. Ich wunderte mich erst, warum plötzlich alles auf Deutsch war und deutsche Weihnachtslieder liefen. Dann sah ich das Schild: ein deutscher Weihnachtsmarkt, organisiert von der Deutschen Botschaft. War irgendwie witzig, bulgarischen Kindern beim Tanzen zu deutscher Weihnachtsmusik zuzuschauen. Danach war ich auch noch auf dem größeren Hauptweihnachtsmarkt, aber der deutsche gefiel mir fast besser – kleiner, ruhiger, netter.
Lange hielt mich aber nichts. Die Lust, irgendwo zu bleiben, war nicht da. Also ging’s nach einer Nacht mit einem kurzen, aber schönen Aufenthalt weiter. Erst Richtung Osten, dann ein Stück nach Süden. Ich folgte dem bulgarischen Mittelgebirge – teilweise ganz nett, aber meistens lag alles in Wolken. Es war nass, kalt und anstrengend. Ich erinnere mich an wenig Natur, dafür an viel Kraftaufwand. Gerade meine Füße haben diese Zeit nicht gut verkraftet – ständig nass und kalt, und das über Wochen. Die Zeit in Bulgarien ist für mich daher eher als Herausforderung in Erinnerung geblieben. Keine einfachen Tage.
Aber es ging weiter. Weiter Richtung Süden – und wenigstens ein paar Grad wärmer. Die Türkei wartete.
Im Schnee ging es über die Grenze nach Bulgarien – und so blieb’s dann auch: kalt, grau, wenig Sonne. Die ersten Tage nutzte ich, um mich Richtung Sofia durchzuschlagen. Dort ging’s in eine Unterkunft. Endlich mal wieder ein Dach über dem Kopf, Wäsche waschen – das war längst überfällig.
Beim Reinfahren merkte ich direkt, dass hier die Betonklötze noch mal eine Nummer härter wirken. Erst war ich nicht besonders angetan. Aber je näher ich ins Zentrum kam, desto mehr wandelte sich das Bild. Plötzlich war alles viel schöner. Große, beeindruckende Gebäude, breite Straßen, Plätze – da hab ich dann auch den Nachmittag in der Innenstadt verbracht. Zur Weihnachtszeit ging’s abends noch auf einen Weihnachtsmarkt. Ich wunderte mich erst, warum plötzlich alles auf Deutsch war und deutsche Weihnachtslieder liefen. Dann sah ich das Schild: ein deutscher Weihnachtsmarkt, organisiert von der Deutschen Botschaft. War irgendwie witzig, bulgarischen Kindern beim Tanzen zu deutscher Weihnachtsmusik zuzuschauen. Danach war ich auch noch auf dem größeren Hauptweihnachtsmarkt, aber der deutsche gefiel mir fast besser – kleiner, ruhiger, netter.
Lange hielt mich aber nichts. Die Lust, irgendwo zu bleiben, war nicht da. Also ging’s nach einer Nacht mit einem kurzen, aber schönen Aufenthalt weiter. Erst Richtung Osten, dann ein Stück nach Süden. Ich folgte dem bulgarischen Mittelgebirge – teilweise ganz nett, aber meistens lag alles in Wolken. Es war nass, kalt und anstrengend. Ich erinnere mich an wenig Natur, dafür an viel Kraftaufwand. Gerade meine Füße haben diese Zeit nicht gut verkraftet – ständig nass und kalt, und das über Wochen. Die Zeit in Bulgarien ist für mich daher eher als Herausforderung in Erinnerung geblieben. Keine einfachen Tage.
Aber es ging weiter. Weiter Richtung Süden – und wenigstens ein paar Grad wärmer. Die Türkei wartete.
An der Grenze merkt man schon, dass Europa langsam hinter einem liegt. LKWs stehen kilometerlang Schlange, und es dauert, bis man durch ist. Und wie immer bei einem neuen Land: Geld besorgen, SIM-Karte kaufen, sich irgendwie zurechtfinden. Nur dass das diesmal gar nicht so einfach war – erst der vierte Geldautomat spuckte Geld aus, und die SIM-Karten waren recht teuer. Aber am Ende wurde ich fündig.
Weil ich Weihnachten in Istanbul verbringen wollte, nahm ich auf der europäischen Seite noch einen kleinen Umweg – es ging zurück zur Küste, nach Tekirdağ. Davor fuhr ich durch einige kleine Dörfer, und schnell wurde klar: Die Hunde hier sind nochmal eine andere Liga. Die Straßenhunde waren meist harmlos – problematischer waren die Hofhunde. Oft gilt: Wenn sie bellen, passiert nichts. Aber das trifft nicht immer zu. In einem Dorf sprang ein Kangal über einen etwa zwei Meter hohen Zaun und rannte mir stumm hinterher. Kein Bellen, kein Zögern – einfach nur rennen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Erst nach rund hundert Metern drehte er ab. Zum Glück. Aber das Adrenalin blieb noch eine Weile.
In Tekirdağ stieß ich auf meinen ersten großen Markt in der Türkei – ich versuchte, mit dem Rad hindurchzufahren, was sich als Fehler herausstellte: eng, laut, überfüllt. Und gleichzeitig beeindruckend. Zum ersten Mal spürte ich deutlich, wie unterschiedlich die Kulturen der Länder sind. Und das war erst der Anfang.
Die Küstenstraße verließ ich bald wieder – zu viel Verkehr, zu wenig angenehm. Eine Hauptstraße in der Türkei fühlt sich oft an wie eine deutsche Autobahn, und ich lernte schnell: Solche Strecken vermeidet man, wo es nur geht. In diesem Fall führte genau das zu einer besonderen Begegnung.
Es regnete stark. Ich fuhr gerade durch ein kleines Dorf, als mir jemand zurief und winkte: Fatih und Mohammed. Zwei Männer, die mir spontan einen trockenen Platz anboten. Keine zehn Minuten später saßen wir gemeinsam am Ofen, tranken Tee, und kurz darauf gab es Mittagessen. Die Unterhaltung lief komplett über Google Translate – aber es funktionierte erstaunlich gut. Wir redeten über das Leben, über meine Reise, über ihre Arbeit. Am Ende boten sie mir sogar einen Schlafplatz an. Ich übernachtete bei Mohammed in einem Wohncontainer – er ist Arbeiter aus dem Iran, beschäftigt in der Gegend. Und obwohl ich es mehrmals ablehnte, bestand er darauf, dass ich sein Bett bekomme. Er selbst schlief auf der Couch.
Am nächsten Morgen kamen noch Fatihs Sohn und ein Freund vorbei, und beim Frühstück wurde vieles noch einmal erzählt. Danach ging es weiter – langsam Richtung Istanbul. Keine große Eile, aber auch kein Zögern.
In Istanbul angekommen, ging es nicht ins Hostel oder Hotel, sondern in ein großes Airbnb – denn ein paar Stunden später kamen auch Mama und Lina in der Stadt an. Weihnachten in Istanbul – eine andere Art, anzukommen.
Die Zeit mit Mama und Lina war wirklich schön, und wir sahen viel von der Stadt. Aber irgendwann kam der Abschied – und dieser war bisher der schwerste. Bei den anderen Abschieden gab es immer einen festen Zeitpunkt, an dem wir uns wiedersehen würden. Diesmal nicht. Und das machte es schwer.
In den Tagen danach saß ich nicht auf dem Rad – ich wollte Istanbul noch allein erleben. Rückblickend: eine falsche Entscheidung. Die letzten Tage des Jahres waren nicht gerade die besten. Ich wurde von ein paar Scammern abgezogen – am Ende war ich froh, „nur“ Geld verloren zu haben und sonst nichts. Der Grund, in Istanbul zu bleiben, war es rückblickend nicht wert. Kein Feuerwerk, nur viel zu viele Menschen. Ich hätte wohl einfach weiterfahren sollen, um den Kopf frei zu bekommen.
Dann eben im nächsten Jahr. Und auf einem neuen Kontinent.
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