Und so ging es mit dem Flieger nach Kasachstan – genauer gesagt nach Atyrau – und damit offiziell nach Zentralasien. Auch wenn ich geografisch gesehen eigentlich noch einmal nach Europa geflogen bin. Erst am ersten Radtag überquerte ich den Ural-Fluss – und damit die unsichtbare Grenze nach Asien.
Vor dem ersten Kilometer auf zwei Rädern gab es allerdings noch ein paar Probleme: Beim Flug ging ein wichtiges Teil an der Vorderradnabe verloren. Da es genau dieses Teil vor Ort nicht gab, musste leider die komplette Nabe gewechselt werden. Erst danach konnte mein Kapitel Zentralasien wirklich beginnen.
Und der Unterschied war riesig: Vom Gebirge ging es hinein in die Weite der Steppe. Acht Tage Kasachstan bedeuteten eine Stadt, eine Handvoll kleiner Dörfer und außerhalb der Gärten: null Bäume. Die Landschaft wechselte langsam von Steppe zu Halbwüste und schließlich zu Wüste. Auch wenn sich vieles wiederholte, gab es doch immer wieder kleine Höhepunkte – Pferde und Kamele am Straßenrand zum Beispiel, die ganz ungerührt von meiner Präsenz durch die Einöde zogen.
Das Wetter war alles andere als eintönig: Es gab sonnige Tage, Regentage, Rückenwindtage und Gegenwindtage. Und dann gab es diese besondere Kombination – Regen und starker Gegenwind – eine echte Geduldsprobe. Ein solcher Tag bleibt mir besonders eindrücklich in Erinnerung.
Zum Glück kam etwa alle 100 bis 150 Kilometer ein kleines Dorf, sodass Wasser und Nahrung nie ein echtes Problem waren. Und obwohl man meinen könnte, eine Woche Steppe und Wüste sei eintönig – ich hatte meinen Spaß. Von Langeweile keine Spur.
Die letzten 80 Kilometer zur Grenze wären eigentlich schnell geschafft gewesen. Doch da die Straße an der Grenze derzeit renoviert wird, blieb mir nichts anderes übrig, als den Zug zu nehmen. Also ein Pausentag in Beyneu – und am nächsten Morgen rollte ich weiter, auf Schienen, nach Usbekistan.
Was für ein Land. Direkt nach der Grenzkontrolle stieg ich aus dem Zug – irgendwo im Nirgendwo, ein kleiner Ort ohne viel drumherum. Die meisten anderen blieben einfach sitzen. Alle Reisenden fahren nach Nukus, dachte ich, und war wohl einer der wenigen, die vorher ausstiegen.
Die Einreise verlief eigentlich entspannt – wäre da nicht die Drohne gewesen, die ich besser nicht dabeigehabt hätte. In Usbekistan sind Drohnen verboten, besonders ohne Genehmigung. Die Kontrolle war gründlich, jede einzelne Tasche wurde geöffnet. Ich hatte sie gut versteckt, doch als die Kleidungstasche abgetastet wurde, wurde ich doch kurz nervös. Zum Glück blieb alles unentdeckt – aber ein mulmiges Gefühl hatte ich trotzdem noch eine Weile.
Die ersten Tage erinnerten stark an Kasachstan: Steppe, Wüste, flache Straßen. Nur die Kamele waren plötzlich verschwunden – dafür krabbelten immer wieder kleine Schildkröten über den Asphalt. Auch irgendwie schöne Wegbegleiter.
Gerade als die Eintönigkeit wieder einzusetzen drohte, kam Bewegung in die Landschaft. Erste Felder tauchten auf, grüne Streifen zogen sich entlang der Straße – endlich wieder etwas Leben neben dem Asphalt. Nach anderthalb Wochen in der Steppe war das eine willkommene Abwechslung.
Ich erreichte Nukus und legte einen Pausentag ein. Die Stadt selbst – stark von sowjetischer Architektur geprägt – überzeugte mich nicht ganz. Doch der Basar war ein echtes Erlebnis: laut, chaotisch, lebendig. Hier spürte man den Unterschied – zwischen dem, was Reiseführer beschreiben, und dem echten Leben.
Danach ging es weiter nach Osten – und zum Glück entschied ich mich noch spontan für einen Abstecher nach Chiwa. Die Strecke dorthin war traumhaft: grün, belebt, mit zahlreichen spontanen Geschenken unterwegs. Ich musste kaum noch selbst etwas kaufen – ständig drückte mir jemand Wasser, Snacks oder Obst in die Hand. Anfangs fiel es mir schwer, diese Geschenke anzunehmen – die Lebensverhältnisse hier sind deutlich bescheidener als in Deutschland. Aber man merkt, wie sehr sich die Menschen freuen, einem Reisenden eine Freude zu machen.
Zwei Erlebnisse bleiben besonders in Erinnerung: In einem Restaurant wollte ich nach dem Essen zahlen – doch jemand hatte es bereits übernommen. Das erste Mal auf der Reise, dass so etwas passierte. Und es sollte in Usbekistan nicht das letzte Mal sein. Und dann war da noch der Moment, als ein Auto anhielt, nur damit die Leute ein Selfie mit mir machen konnten. Das war vorher schon ab und zu passiert – aber in Usbekistan wurde es fast alltäglich.
Und dann Chiwa – was für eine Stadt. Die Altstadt liegt komplett innerhalb einer Stadtmauer und wirkt wie aus einem Märchen. Malerische Plätze, traditionelle Gebäude, Kinder, die zwischen den Stadtmauern Fußball spielen. Auch wenn viele Touristen unterwegs waren, wirkte es nicht künstlich – im Gegenteil, die Stadt lebte, bei Tag genauso wie bei Nacht.
Am nächsten Morgen wollte ich eigentlich direkt weiter, aber ein letzter Abstecher in die Altstadt musste noch sein. Doch diesmal war alles anders: Wandertag in Usbekistan. Überall Schulklassen. Und plötzlich wurde ich zum Star. In einer Stunde machte ich bestimmt 30 Selfies. Die Schüler waren begeistert, fragten aufgeregt, lachten, freuten sich riesig – und wenn ich dann auch noch ein Selfie von ihnen wollte, war die Freude doppelt so groß. Ich wurde gegrüßt, bestaunt, angelächelt. Warum genau ich? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ein junger, europäischer Mann mit etwas längeren Haaren hier einfach auffällt.
Am nächsten Tag ging es weiter – raus aus Chiwa, denn die Hitze sollte kommen. Am Supermarkt traf ich ein französisches Radreisepaar, wir fuhren ein Stück gemeinsam und zelteten zusammen. Aber nur kurz – in der Wüste wollte jeder sein eigenes Tempo fahren. Ich hatte vor, in den nächsten Tagen möglichst viele Kilometer zu machen. Die Temperaturen sollten bald auf 40 Grad steigen, und da wollte ich möglichst schnell aus der Wüste raus sein.
Ich schaffte die rund 400 Kilometer in gut drei Tagen. Es war heiß, aber noch erträglich – und ich war froh, rechtzeitig weitergefahren zu sein. Kurz vor Buchara merkte ich dann, dass mein Hinterradmantel anfing zu reißen. Also direkt zum Radladen – einen neuen Mantel gab es, aber die Qualität war sichtbar schlechter. Einen guten Ersatz hätte ich erst in ein paar Wochen bekommen. Aber für den Moment musste er einfach halten.
In Buchara selbst wollte ich eigentlich nur einen kurzen Stopp einlegen, aber die Stadt zog mich doch länger in ihren Bann. Altstadt, Minarette, Plätze – auch hier ein Ort mit besonderer Atmosphäre. Und es geschah noch etwas Schönes: Am Abend sprach mich jemand an. Nach einem kurzen Gespräch fragte er, ob ich Hunger hätte. Ich lehnte ab – ich hatte gerade gegessen. Er meinte, er habe ein Restaurant und wolle mich einladen.
Nach ein paar Minuten dachte ich: warum nicht? Doch es war gar kein Restaurant. Wir liefen durch viele kleine Nebenstraßen, und irgendwann saß ich im Wohnzimmer einer Familie – beim Plov-Essen. Kein Moment, in dem ich mich unwohl fühlte – im Gegenteil. Es war eine dieser vielen Situationen in Usbekistan, in denen man spürt: Hier meint es jemand einfach gut. Der Mann wollte wohl seinen überschüssigen Plov weitergeben – gegen ein kleines Trinkgeld vielleicht – aber vor allem mit ehrlicher Herzlichkeit.
Dabei lernte ich auch: Der Samarkand-Plov enthält deutlich weniger Öl als andere Varianten. Wochen später erzählte ich diese Geschichte einem anderen Reisenden – und er grinste. Die Geschichte kannte er schon. Der Mann scheint häufiger unterwegs zu sein, um seinen Plov anzubieten.
Danach ging es weiter – raus aus Buchara und in Richtung See. Beim Schreiben fällt es mir selbst schwer zu glauben, aber das Wasser war tatsächlich zu kalt zum Schwimmen. Und das bei 36 Grad. Vielleicht bin ich bei Wasser einfach zu pingelig.
Ich entschied mich dann gegen die Route durch die Steppe und für die Straße entlang landwirtschaftlicher Felder. Die Hitze wurde jeden Tag schlimmer, die 40-Grad-Marke wurde bald erreicht. Für mich fast unerträglich – für die Einheimischen war das wohl eher ein milder Sommer. Überall wurden nun auch Sonnenschirme an den Verkaufsständen aufgebaut – und das Beste: Überall gab es Softeis. Alle paar Hundert Meter. Ich wurde oft eingeladen, manchmal durfte ich auch selbst zahlen. Ein kleiner Luxusmoment in der Hitze.
Doch dann das, was man bei 40 Grad wirklich nicht braucht: Nach einer Pause war die Luft raus – Hinterrad platt. Zwei Tage vorher hatte ich schon einen Platten, also war mein Ersatzschlauch bereits verbraucht. Ich flickte – stundenlang – doch bei dieser Hitze hielt nichts. Also Plan B: Schlafplatz suchen und nachts flicken, wenn es kühler ist. Doch ich bin in Usbekistan – und Hilfe kommt oft ungefragt. Ein Mann an der Bushaltestelle sprach mich an, und ohne gemeinsame Sprache ging es zur Autowerkstatt. Schläuche wurden organisiert, es wurde geflickt – vergeblich. Am Ende wurde gesagt: „Jetzt machen wir’s auf usbekische Art.“ Also wurde kurzerhand die Ventilöffnung aufgebohrt, damit ein anderer Schlauch passt. Improvisation pur – aber alle freuten sich, helfen zu können.
Am selben Tag traf ich dann noch einen usbekischen Radreisenden – das erste Mal auf meiner Reise. Und allgemein: In Usbekistan begegnete ich so vielen Radreisenden wie in kaum einem anderen Land. Meistens Franzosen, aber auch Deutsche, Schweizer – und ein Chinese. Alle in Richtung Osten unterwegs.
Dann: Samarkand. Die dritte klassische Seidenstraßenstadt. Wieder ähnlich, aber doch anders. Weiterläufiger, touristischer – aber nicht weniger schön. Ich mochte die Stadt sofort. Und wieder: eine schöne Begegnung am Abend. Mein Handy sprach Deutsch, und sofort wurde ich angesprochen – ein usbekischer Jugendlicher, der gerade Deutsch lernt. Ob wir uns unterhalten könnten? Klar. Ein anderer Jugendlicher kam noch dazu, auch er lernte Deutsch. Wir verbrachten den Abend gemeinsam, gingen essen, redeten lange. Beide wollten nach Deutschland – viele Jugendliche hier träumen davon auszuwandern. Einige trugen Formulare für die US-Greencard-Lotterie in der Hand.
Und so ging es weiter – raus aus Samarkand, weg von der alten Seidenstraße. Drei Städte, jede für sich einzigartig. Ein Stil, den man sonst selten sieht. Und obwohl Tadschikistan nur wenige Kilometer östlich liegt, entschied ich mich noch für einen Schlenker nach Taschkent. Neue Radteile – und noch einmal in den Norden, in die Berge.
Die Hitze blieb, aber gleichzeitig begann die Erdbeersaison – ein kleiner Trost. In Taschkent landete ich in einem Hostel, das ich wohl nie vergessen werde: Das schönste Hostel meiner Reise. Und selbst dort blieb ich nicht unbemerkt: Ob ich der Radreisende sei, wurde ich gefragt. Der Besitzer und seine Freunde waren begeistert – und bald saß ich mit Leuten aus aller Welt in einer Billard-Bar. Ein lustiger, internationaler Abend.
Taschkent selbst: eine angenehme Stadt mit großem Basar und – angeblich – dem ältesten Koran der Welt.
Dann noch einmal in die Berge. Viele denken bei Usbekistan nur an Steppe und Wüste – aber das Land kann auch anders. Der Pass war über 2.000 Meter hoch, und es war brutal heiß – über 35 Grad. Ich war nicht der Einzige, der kämpfte: Viele Autos fuhren mit offener Motorhaube. An jeder Kurve stand jemand, der den Motor mit Wasser kühlte. Die meisten Autos hier fahren mit Methan, Benzin war oft schwer zu finden – auch für meinen Kocher. Aber es war die Mühe wert: Ich war froh, auch diesen anderen Teil des Landes noch gesehen zu haben.
Usbekistan war anders als alles zuvor. Viele Kilometer ohne Höhenmeter, ohne Bäume – aber mit ganz eigenen Highlights. Die Städte, die Begegnungen, die Gastfreundschaft. Dinge, die sonst nicht ganz oben auf meiner Liste stehen, aber hier doch etwas Besonderes waren.
Und auch wenn ich es nicht ständig erwähne: Usbekistan gehört zu den gastfreundlichsten Ländern meiner Reise. Unzählige kleine Gesten, so viele herzliche Begegnungen – mit oder ohne gemeinsame Sprache. Ich hatte keine Vorstellung, was mich hier erwartet. Aber es war fantastisch. Vielleicht sogar mehr als das.
Jetzt aber: raus aus der Hitze, raus aus der Ebene. Die Berge rufen. Tadschikistan steht auf dem Plan.
Tadschikistan stand lange nicht auf dem Plan. Doch als ich mich dann genauer informierte, rückte es ganz nach oben auf meine Liste: ein Land voller Berge, voller berühmter Strecken und voller Abenteuer.
Die erste Woche im Land führte mich von der Grenze bis nach Duschanbe. Eine tolle Strecke – erst am See entlang, dann langsam bergauf. Die Gastfreundschaft war auch hier wieder groß. Somsa, Einladungen zum Plov – solche kleinen Begegnungen sind immer etwas Besonderes. Der Anstieg hinauf war lang, aber mit angenehmer Steigung – und dann stand ich vor meinem ersten Pass über 3.000 Meter. Doch eine Abfahrt blieb erstmal aus: Der Tunnel oben war für Fahrräder unpassierbar – dunkel, schlechte Luft, kaputte Straße. Also Daumen raus. Schnell hielt ein leerer Sprinter an, ich konnte samt Rad einsteigen. Selbst im Auto hatte ich ein mulmiges Gefühl – nicht wegen des Trampens, sondern wegen des Tunnels: ein wirklich extremer Ort. Aber es lief alles gut. Und es gab sogar ein kleines Geschenk.
Dann die Abfahrt – schöne Strecke, flüssig und angenehm. Nach einer kurzen Stärkung im Dorf ging es direkt wieder hoch: der nächste 3.000er, diesmal durch eine atemberaubende Schlucht. Und wieder ein Tunnel. Auch hier trampte ich – diesmal mit einem LKW. Der Tunnel trägt nicht umsonst den Beinamen „Tunnel des Todes“.
Die folgende Abfahrt war ein Traum. Ich machte viele Fotos und kam kaum voran. Und irgendwann wurde ich auch ein bisschen emotional. Mir wurde bewusst, wie weit ich gekommen war – und wie schön diese Reise ist. In Duschanbe angekommen, legte ich einen Pausentag ein: Visaorganisation und die Genehmigung für GBAO, das Autonome Gebiet Berg-Badachschan.
Dann ging’s los auf den Pamir Highway. Auch wenn sich das Gefühl dafür erst später einstellte. Die ersten Tage nach Duschanbe führten mich einfach Richtung Süden – eine traumhafte Strecke, keine Frage. Aber da ich von der ersten Woche in Tadschikistan schon sehr verwöhnt war, blieb das ganz große Staunen zunächst aus.
Das kam erst mit der Schlucht – nicht nur wegen der landschaftlichen Schönheit, sondern auch wegen des Flusses, der dort die Grenze zu Afghanistan bildet. Und ich bekam tagelang einen Blick auf das Leben auf der anderen Seite. Verrückt, wie unterschiedlich das Leben sein kann, getrennt nur durch einen Fluss. Hier begann sich der Pamir Highway wirklich anzufühlen wie der Pamir Highway. Der gute Asphalt wurde zu Schotter und Baustelle. Und was für Baustellen: tagsüber für Fahrzeuge gesperrt – zum Glück durfte ich mit dem Rad durch. Aber die Schotterpiste forderte Opfer: eine Seite meines Tretlagers war komplett kaputt.
Trotzdem – die Menschen waren unglaublich freundlich. Ich wurde zweimal zum Übernachten eingeladen, sehr herzlich – auch wenn ich mir bei einem Deutschlehrer dabei leider eine Lebensmittelvergiftung einfing. Zum Glück war ich gerade in einem Hostel.
Nach einigen Tagen verließ ich die Schlucht und es ging weiter hinauf in die Berge. Ich machte langsam – 100 % fit war ich noch nicht, aber ich wollte auch nicht länger im Hostel bleiben. Und als ich wieder in Form war, knackte ich die magische Marke: 4.000 Höhenmeter. Was für eine Zahl! Ich kam mit der Höhe gut klar, durch die kurzen Etappen konnte ich mich gut an den geringeren Sauerstoff gewöhnen.
Hinter dem Pass war es unbeschreiblich. Der oft gezogene Vergleich stimmt: wie eine Mondlandschaft – nur mit ein paar Seen. Grün? Fehlanzeige. Auf dieser Höhe wächst nichts. Und trotzdem blieb ich tagelang auf über 3.800 m. Auch Zivilisation wurde zur Seltenheit: nur drei Dörfer in der Region, zwei davon winzig.
In Murgab, dem „großen Dorf“, wurde es kalt. Ich musste Regenjacke, -hose und meine dicken Handschuhe wieder rausholen. Ein Gewitter zog auf, gerade als ich im Guesthouse ankam. Beim Abtrocknen fiel der Strom aus – offenbar hatte ein Blitz irgendwo eingeschlagen. Am nächsten Morgen: Schnee im Dorf. Warten war keine Option, meine 30 Tage in Tadschikistan liefen langsam ab.
Zwei Tage später erreichte ich einen ganz besonderen Ort: den 4.655 Meter hohen Ak-Baital-Pass. Unglaublich. Zur Erinnerung: Mein Tretlager war seit über 1,5 Wochen kaputt, und ich hatte es mit Hilfe einer kleinen Werkstatt notdürftig reparieren lassen – selbstgebaute Kugellager. Aber egal wie: Ich war oben. Was für ein Moment. Der höchste Punkt meines Lebens – und wahrscheinlich auch für den Rest meines Lebens, wenn ich nicht doch noch mit dem Bergsteigen anfange.
Die nächsten Tage wurden hart. Kalt, schlechte Straßen, Neuschnee. Noch eine Nacht im Guesthouse, dann ging es weiter. Ich hatte Zeit – die Grenze durfte ich sowieso erst in ein paar Tagen überschreiten. Um die Grenzgenehmigung hatte ich mich etwas spät gekümmert, aber zum Glück noch rechtzeitig im letzten Ort mit Internet erledigt.
Und dann ging es langsam Richtung Grenze. Essen wurde knapp – ein Shop wäre mal wieder gut. Auf tadschikischer Seite klappte alles problemlos.
Wie es danach weiterging – das erzähle ich im Kirgistan-Teil.
Nach der entspannten Ausreise auf tadschikischer Seite standen erst einmal elf Kilometer Niemandsland vor mir. Eine Grenzstelle, die erst seit ein paar Jahren wieder geöffnet ist. Zuvor gab es hier Konflikte zwischen Tadschikistan und Kirgistan. Heute dürfen Touristen passieren, Tadschiken selbst aber nicht. Manchmal fragt man sich einfach nur: warum eigentlich?
Auch ein Permit ist notwendig, das ich zum Glück schon ein paar Tage vorher per WhatsApp beantragt hatte.
Die lange Strecke zwischen den beiden Grenzposten war noch schlechter als vieles zuvor auf dem Pamir – inklusive eines letzten Passes auf über 4.200 Metern, der gleichzeitig die geografische Grenze markiert. Dort oben warteten schon einige Taxifahrer, denn Fahrer aus dem jeweils anderen Land dürfen nicht über die Linie.
Dann ging’s endlich bergab. Schotter, Matsch, alles dabei. Kaum ein paar Meter gefahren, kam mir ein chinesisches Auto entgegen, das sich im Anstieg festgefahren hatte. Zusammen mit einer russischen Gruppe war es aber schnell wieder draußen. Und dann: viele Höhenmeter bergab. Mit jedem Meter tauchte ein bisschen mehr Grün auf, bis ich schließlich die kirgisische Grenzstelle erreichte.
Ich war eigentlich früh losgefahren, weil ich gehört hatte, dass die Grenze nur morgens und abends geöffnet ist. Wegen der schlechten Strecke kam ich aber erst gegen 11 Uhr an – und die Gerüchte stimmten: Grenze zu.
„Kein Strom“, hieß es. Viele Reisende erzählen das von dieser Grenze, sehr wahrscheinlich steckt eher „keine Lust“ dahinter.
Das Permit wurde allerdings direkt kontrolliert. Ich war erleichtert, denn ich hatte nie eine Bestätigung erhalten und seit vier Tagen kein Internet. Früher wäre ich komplett nervös zur Grenze gefahren: keine Bestätigung, kein PDF, nur ein WhatsApp-Verlauf. Aber nervös war ich gar nicht.
Vor dieser Reise war ich wegen jeder Kleinigkeit nervös. Wirklich wegen jeder. Vor allem in meiner Jugend. Treffen, bei denen ich nicht genau wusste, wie sie ablaufen würden – Zittern im Auto. Einmal ging es zur Schwimmstunde, und ich saß zitternd im Wagen. Auch damals wusste ich nicht genau, warum ich nervös war. Es war einfach so.
Jetzt stehe ich hier, an einer abgelegenen Grenze auf über 4.000 Metern, unvorbereitet, ohne Internet, ohne Bestätigung – und bin entspannt. Da fragt man sich schon, wann und wie dieser Schalter umgelegt wurde. Und ob er nur fürs Reisen umgelegt ist – oder ob diese Ruhe auch nach der Reise bleibt.
Mit dieser Frage im Kopf hieß es warten. Aber nicht alleine. Ein russisches Wohnmobil und eine russische Gruppe im Taxi warteten ebenfalls. Um 17 Uhr – eigentlich 18 Uhr wegen der Zeitverschiebung – sollte es weitergehen.
Das Warten war überraschend angenehm. Wir saßen im Wohnmobil, tranken Tee und Kaffee. Einer der Männer konnte ein bisschen Englisch. Und auch wenn ich vieles nicht verstand, war es schön, einfach zuzuhören. Nudeln zum Mittagessen gab es auch – bestens versorgt.
Sieben Stunden warten klingt erstmal nach etwas Nervigem. Aber irgendwie war es richtig gut. Im Nachhinein war es sogar gut, nicht morgens über die Grenze zu kommen. Begegnungen hat man auf dieser Reise viele – mit Einheimischen oder anderen Reisenden. Meist aber nur kurz: ein Gespräch, zusammen essen, dann weiter.
Hier waren wir sieben Stunden zusammen. Keiner konnte weiter. Tempo raus. Auch wenn wir sprachlich nicht alles verstanden, verstanden wir uns trotzdem. Die Russen erzählten von Reisen nach Deutschland, vom Leben in Russland, ich von meiner Reise. Für ein paar Stunden entstand eine kleine Gemeinschaft.
Vielleicht bleiben genau deshalb solche Begegnungen stärker im Kopf als viele andere. Unterwegssein und viel sehen hat seine Vorteile, und ich liebe es. Aber vielleicht ist ein Nachteil auch, dass man sich zu selten Zeit lässt. Vielleicht müsste man sich öfter diese längeren gemeinsamen Momente gönnen.
Am Nachmittag kamen noch Motorradfahrer dazu: ein Russe, zwei Spanier und ein Deutscher. Gegen 18 Uhr ging die Grenze tatsächlich auf. Die Spanier hatten Probleme mit ihrem Permit und sollten eigentlich nicht durchgelassen werden. Nach langem Hin und Her – und mit Hilfe der russischen Gruppe – klappte es am Ende doch. Mit Russisch kommt man hier wirklich weit.
Weil es schon spät war, stellte ich mein Zelt einfach auf eine Wiese. Was für ein Schlafplatz. Schneebedeckte Berge rundherum, Pferde, Jurten – die ersten echten kirgisischen Eindrücke. Einer dieser Schlafplätze, die man auch Monate später noch vor Augen hat.
Am nächsten Morgen ging’s ins Dorf. Der ATM funktionierte nicht, aber ich konnte noch tadschikisches Geld im Kiosk loswerden und mir direkt eine SIM holen: fünf Euro für einen Monat unbegrenztes Internet. Gerade bei den ersten nicht-europäischen Ländern machte ich mir vor Grenzübergängen immer viele Gedanken wegen Geld und Internet – und jetzt ging alles ganz leicht.
Und die Vorfreude war riesig. Kirgistan war eines dieser Länder, die sich schon lange im Kopf aufgebaut hatten – durch Erzählungen, Bilder, Geschichten anderer Reisender. Auch wenn ich versuche, meine Erwartungen niedrig zu halten, um nicht enttäuscht zu werden, konnte ich es kaum erwarten, dieses Land endlich selbst zu entdecken.
Danach folgten die ersten kirgisischen „kleinen“ Pässe – nur noch 3.500 Meter. Irre, wie schnell man sich an Höhen gewöhnt. Oben traf ich wieder einmal einen Radreisenden aus Córdoba in Argentinien – genau aus der Stadt, in der meine Schwester ein Jahr gelebt hatte. Und einen deutschen Motorradfahrer, Ende 70, kaum Englisch, aber trotzdem unterwegs. Schön zu sehen, dass solche Reisen wirklich in jedem Alter möglich sind. Also habe ich noch 45 Jahre Zeit, weitere Geschichten zu erleben.
Mit jedem Kilometer wurde es grüner. Erst nur ein paar Flecken, dann ganze Wiesen.
Ich merkte erst nach einigen Metern, wie sehr ich diese Farbe vermisst hatte.
Nach Wochen in Staub, Stein und Höhe kam das Grün fast überraschend zurück. Genauso wie die Menschen. Kinder am Straßenrand winkten, lachten, riefen irgendetwas hinterher.
Die Zeit auf über 3.800 Metern – ohne Pflanzen, ohne Dörfer, ohne Leben – saß tiefer, als ich gedacht hatte. Erst hier wurde mir bewusst, wie sehr mir all das gefehlt hatte. Direkt gab es die erste Einladung: ein Schluck Kumys.
Okay – aber ich bleibe bei Kuhmilch.
Kurz danach erreichte ich Osh – das offizielle Ende des Pamir Highways. Ich hatte es geschafft. Schneesturm, Lebensmittelvergiftung, kaputtes Tretlager – alles überstanden. Vieles, worüber ich noch ein paar Monate zuvor nachgedacht hatte. Was wären Wartetage? Warum macht man das eigentlich? Aber irgendwie kommen diese Situationen einfach, und dann bewältigt man sie – wie alles andere auch.
In Osh nahm ich mir einen Pausentag. Abends saßen wir alle im Hostel in der Küche und schrieben an unseren Blogs. Ganz normale Langzeitreisende.
Nach Osh ging’s weiter Richtung Bischkek. Der schnellste Weg wäre durch Usbekistan gegangen, aber ich wollte meine Drohne nicht wieder durch die Kontrollen schmuggeln. Und damals stellte sich heraus, dass meine Nerven keinen guten Schmuggler aus mir machen – auch wenn es beim letzten Mal geklappt hatte. Also nahm ich den längeren Weg. Anfangs enttäuschend von der Landschaft, später wunderschön.
Ich folgte einem Fluss bergauf. Leichte Steigung, tolle Ausblicke. Hier gab es auch mein erstes Zeitungsinterview: Die Marler Zeitung hatte von meiner Reise gehört. Ich habe immer noch Probleme zu begreifen, warum und wie Leute so begeistert von dem sind, was ich mache. Irgendwie verstehe ich es – und irgendwie auch nicht. Ich mache einfach das, was ich machen will, mehr nicht. Würden das mehr Menschen tun, wäre meine Reise wahrscheinlich gar nicht so besonders.
Die Gastfreundschaft in Kirgistan ist riesig. Wenn man direkt aus Europa kommt, wäre man vermutlich komplett überwältigt. Aber nach all den Monaten unterwegs ist es irgendwie schon Alltag geworden. Dass so etwas normal wird, ist auch komisch – aber eigentlich schön. Mehrmals wurde ich am Straßenrand zum Picknick eingeladen. Wassermelonensaison. Und alleine schafft man so ein Ding sowieso nicht – also perfekt.
Als die Flussstraße endete, erreichte ich einen großen See. Perfektes Wasser zum Abkühlen. Dort traf ich ein Vater-Sohn-Duo mit einem alten russischen Wohnmobil. Wir quatschten kurz, dann ging’s einmal um den See. Meine Kamera gab langsam den Geist auf, deshalb gibt es aus dieser Zeit nur wenige Bilder. Die Landschaft bleibt trotzdem unvergessen – und ohne Kamera nimmt man sie nochmal ganz anders wahr.
Auf der anderen Seeseite wartete der nächste Fluss, der nächste Anstieg. Ab etwa 2.000 Metern: Jurte an Jurte. Jede Familie hat ihre eigene Sommerjurte.
Das Leben dort oben ist hart und gleichzeitig wunderschön. Für mich gab es keine bessere Option, als mein Zelt direkt neben einer Jurte aufzubauen.
In Kirgistan gehört Wildcampen irgendwie dazu – fast wie ein Teil der Kultur. Gerade dort fällt einem der Unterschied zu Deutschland besonders auf.
Nur die Jurte, die Natur, fließendes Wasser aus dem Fluss, die Toilette irgendwo draußen – ein Loch im Boden.
In Deutschland würde man das „minimalistisch wohnen“ nennen.
Am nächsten Tag merkte ich, dass ich mich etwas verschätzt hatte. Auf der Karte waren zwar ein paar Hütten eingezeichnet, doch es gab nichts zu kaufen, und die Hochebene zog sich endlos. Also ging’s zum einzigen Restaurant: Manti. Viele sagen, das Essen in Zentralasien sei nicht gut, ich fand es wirklich lecker. Wenig Auswahl, aber die Klassiker sitzen: Manti (anders als in der Türkei), Plov, manchmal Yakfleisch – und mein Favorit: Lagman. Ein geniales Nudelgericht.
Ich schlief eine Nacht auf der Hochebene. Ohne Supermarkt, ohne Versorgung. Am Morgen rechnete ich damit, den Pass ohne Frühstück hochzufahren. Frustriert ärgerte ich mich ein wenig über meine schlechte Planung. Doch in Zentralasien regelt die Gastfreundschaft alles: Eine Familie rief mich zu sich. Frühstück, Picknick, alle im Kreis auf der Wiese. Perfektes Timing.
Der Anstieg war ordentlich – gut, dass ich gestärkt war. Oben überlegte ich kurz, den alten Pass zu fahren. Sehr schwer, hieß es. Ohne Essen und mit wenig Akku keine Option. Also nahm ich den Tunnel. Ein Bauarbeiter erklärte, Radfahren sei verboten, bot aber an, mich mitzunehmen. Ich handelte den Preis runter. Im Tunnel hielt er kurz an, schaufelte Staub in die Luft. „Lüftung kontrolliert“, meinte er.
Danach ging’s bergab. Eine Abfahrt, bei der ich am liebsten alle paar Meter angehalten hätte, um Fotos zu machen. Aber meine Kamera funktionierte nicht – also einfach die Fahrt genießen. Steile Hänge, spektakuläre Kulisse.
Am nächsten Tag kam ich in Bishkek an. Erstmal ins Hostel, nur für eine Nacht. Das Hostel hatte ein cooles Flair, einen riesigen Innenhof zum Chillen. Auch wenn hier oft Langzeitgäste und besondere Reisende sind, fallen Radreisende immer auf. Selbst wenn mein Fahrrad nur in der Ecke steht, erkennt man einen Radreisenden sofort.
Ich war nicht allein. Einige andere Radreisende waren ebenfalls in der Stadt. Kirgistan ist seit ein paar Jahren eine Bikepacking-Hochburg – und das aus gutem Grund: wunderschöne Berge, herausfordernde Anstiege.
Am nächsten Morgen ging es zum Flughafen – nicht zum Abflugbereich, sondern zum Ankunftsbereich. Mama, Papa und Lina kamen mich besuchen, und ich holte sie ab.
Die neun Tage starteten mit einem Tag in Bishkek. Wir schlenderten über den Osh-Markt, den größten Basar Zentralasiens. Dann ging es für mich noch zum Fahrradladen: Ersatzteile wurden von meiner Familie mitgebracht und innerhalb von 30 Minuten eingebaut.
Am Abend konnten wir schon das Auto abholen: ein Toyota mit Dachzelt und Campingsachen. Kleine Einweisung, und am nächsten Morgen ging’s direkt los. Kurz vorher fiel mir auf, dass ein Rotor meiner Drohne nicht funktionierte. Nach kurzer Reparatur klappte alles wieder – zum Glück, denn die Drohne wäre gerade in dieser Woche sehr nützlich gewesen.
Die Fahrt begann spektakulär. Nach zwei, drei Stunden erreichten wir eine Schlucht. Wir fuhren hinauf, den Geländewagen brauchten wir definitiv – die Schotterpiste wäre sonst kaum machbar gewesen. Die Schlucht selbst war ein Farbenspiel: rote Steine, bunte Felsen. Oben: grüne Wiesen. Fast ganz alleine – nur 500 Meter entfernt ein anderes Auto.
Die Aussicht war atemberaubend: Berge mit grünen Wiesen, rote Hänge, weiter hinten schneebedeckte Spitzen. 360 Grad Natur pur. Wir übernachteten dort oben: Mama und Papa im Dachzelt, Lina im Auto, ich im Zelt. Zusammen am Campingtisch sitzen, kochen, Sonnenuntergang, Sternenhimmel – und sogar Fußball. Ach ja, Mamas Geburtstag durfte ich auf Weltreise feiern.
Am nächsten Tag hieß es viel fahren. Regen setzte ein, wir entschieden uns für ein Hotel – passend zu unserer Reiseart.
Dann ging es weiter Richtung Süden. Nach ein paar Minuten verließen wir die asphaltierte Strecke, es ging auf Schotterpisten – manchmal gut, manchmal holprig. Traumhaft schöne, weite grüne Flächen. Pferdeherden überall, Jurten immer wieder am Wegesrand.
Wir folgten einem kleinen Fluss. Nach Stunden kamen wir an einem Fluss nahe eines Sees an. Übernachtung in einer Jurte, diesmal touristisch eingerichtet, mit Betten – trotzdem ein besonderes Erlebnis. Auf über 4.000 Metern wird es selbst im Sommer nachts frisch. Holz war nachts leer – aber wir überlebten, dicke Bettdecken sei Dank.
Am nächsten Tag ging es zum See. Ab hier nur noch mit Pferd – kein Auto, kein Fahrrad, nur Reiten. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten klappte es gut. Flussquerungen, steile Wege, alles vor dieser Kulisse. Mein Pferd ging sein eigenes Tempo – ich ließ ihn, ganz entspannt.
Ein kleiner Koordinationsfehler führte zu einer Bootstour auf dem See. Teuer, aber traumhaft. Über 4.000 Meter, mitten im Nirgendwo. Auf dem Rückweg galoppierten wir zurück – anstrengend, aber aufregend.
Zurück im Jurten-Camp ging es wieder ins Auto. Am Tag zuvor hatten wir einen traumhaften Schlafplatz am Fluss entdeckt. Am nächsten Tag fuhren wir die ganze Schotterstraße zurück – eine 200-km-Einbahnstraße.
Dann zum nächsten See, diesmal noch nicht angekommen. Camp am Fluss, ein bisschen Baden, frisch machen – gemeinsam duschen macht gleich mehr Spaß.
Am nächsten Tag: wieder ein See. Schlechte Wetterbedingungen, dennoch herrliche Strecke über Wiesen, nur manchmal ein Hauch von Straße. Vor uns fuhr ein Bus – erleichterte die Orientierung.
Zurück Richtung Bishkek. Noch zwei schöne Tage, tolle Schlafplätze. Einen Teil der Strecke war ich schon Tage zuvor mit dem Rad gefahren.
Die neun Tage vergingen schnell. Letzter Tag: deutsches Restaurant, dann Abschied um vier Uhr morgens. Taxi zum Flughafen, das fünfte Mal Abschied auf dieser Reise. Diesmal ungewiss, wann wir uns wiedersehen würden.
Danach wieder aufs Rad. Nach Istanbul war Bishkek das zweite große Ziel, lange nicht nur ein Punkt auf der Route, sondern ein echtes Ziel im Kopf. Und jetzt war es vorbei.
Die Zeit zu viert war großartig. Wie früher im Urlaub – gemeinsam die Welt erkunden. Abende zusammensitzen, reden, frühstücken, Mittagessen, Abendessen. Kleine Momente, aber als Alleinreisender nicht normal.
Natürlich gab es kleine Probleme, Missverständnisse – aber nur Kleinigkeiten. Top Zeit. Danke, Mama, Papa und Lina. Hab euch lieb.
Dann ging es wieder alleine weiter, die Welt erkunden. Erster und zweiter Tag waren im Kopf voll: Abschied, neue Etappen, das Ende von Bishkek.
Ein paar Pläne hatte ich für die nächste Zeit, aber nichts wirklich Konkretes. Tokio war das nächste große Ziel, doch wie ich mich kenne, kann sich das Ziel jeden Tag wieder ändern. Auf der Karte liegt noch sehr viel zwischen Kirgistan und Tokio.
Am zweiten Tag änderten sich meine Gedanken langsam. Weniger Abschied, weniger Zukunft, mehr Vergangenheit. Auch wenn die Gedanken an die letzte Woche natürlich nicht sofort verschwanden. Vielmehr ging es um die ganzen Kilometer davor, über 20.000 km bis hierher. Bei solchen Zahlen kommen automatisch Reflexionen: was ich auf dieser Reise schon alles erlebt habe. Große Meilensteine, meist weniger zum Feiern, eher zum Nachdenken.
In 11 Monaten so viel erlebt, auf über 20.000 km. Was für eine verrückte Reise bisher.
An diesem Tag erreichte ich einen traumhaften Schlafplatz. In derselben Schlucht, in die ich mit meiner Familie am ersten Tag hochgefahren war – nur diesmal mit dem Rad und nur ein paar Kilometer. Auf den Fotos wohl einer der schönsten Schlafplätze, die ich je hatte. Vor Ort wirkte es gar nicht so extrem, doch auf den Bildern ist es einfach traumhaft. Und natürlich kamen die Abschiedsgedanken noch einmal hoch – an einem Ort, an dem ich vor ein paar Tagen mit meiner Familie war.
Doch dann ging es den riesigen Issyk-Kul-See entlang, und die Abschiedsgedanken verschwanden langsam. Ich entschied mich für die Südküste. Eine schöne Strecke, auch wenn viel neu gemacht wird und es dadurch viele Baustellen gibt. Trotzdem tolle Schlafplätze direkt am See – fast wie am Meer. Bei der Größe des Sees sieht man bei manchen Wetterlagen nicht mal die andere Seite.
Was man hier aber wirklich häufig sieht: deutsche und Schweizer Kennzeichen auf Campern. Unglaublich viele Camper, die den weiten Weg von Deutschland bis nach Kirgistan gefahren sind. Nach den kirgisischen Kennzeichen war das deutsche am häufigsten, kurz danach das russische. Ein ganz anderer Reisestil – und doch irgendwie ähnlich.
Die Küstenstrecke war wunderschön: teilweise Asphalt, teilweise kleine Schotterstrecken, dazu immer wieder kleine Schluchten. Am letzten Tag am Issyk-Kul-See hatte ich meinen Schlafplatz direkt am Wasser. Ein wohl bekannter Camp-Spot. Dort standen auch zwei Deutsche und ein Schweizer, die mir einen guten Tipp für eine Unterkunft gaben: ein Gasthaus, das auch Zelten im Garten erlaubt.
Der Besitzer kam aus den Niederlanden und sprach fließend Deutsch. Dort traf ich auch andere Reisende: viele Camper, einen deutschen Radreisenden und zwei japanische Radreisende. Kirgistan ist einfach perfekt für aktives Reisen.
Ich machte dort zwei Tage Pause und nutzte die Zeit, um an diesem Blog zu schreiben. Nach den Arbeitstagen ging es weiter Richtung Grenze. Eigentlich hatte ich noch einen kleinen Umweg in die Berge geplant, so für eine halbe Woche.
Am Nachmittag musste ich mir jedoch eingestehen, dass das keine gute Idee gewesen wäre. In Richtung Berge schaute ich auf Gewitterwolken. Die Wettervorhersage sah ebenfalls nicht gut aus: viel Regen. Ein Anstieg auf über 4.000 Meter im Gewitter – wohl nicht die beste Idee. Also doch der direkte Weg zur Grenze. Diese Entscheidung fiel mir wirklich schwer, ich wollte unbedingt noch mehr sehen, aber irgendwann siegte die Vernunft.
Auf dem Weg kamen noch ein paar Jurten-Camps. Und dann die Kinder. Hier, und auch schon in Tadschikistan, fragen viele Kinder nach Schokolade. Diesmal hatte ich sogar etwas dabei, was bei den warmen Temperaturen selten ist. Also wurde geteilt.
Dann kam die letzte Nacht in Kirgistan. Ein bisschen traurig war ich schon. Gerne wäre ich noch länger geblieben, hätte noch mehr Berge gesehen, ein paar Offroad-Strecken gefahren, weitere Höhenmeter gesammelt. Aber manche Dinge muss man sich für andere Reisen aufheben.
Kirgistan steht auf jeden Fall ganz oben auf der Liste der Länder, in die ich zurück will. So viele tolle Strecken, so viele wunderschöne Orte, die ich noch nicht erkunden konnte. Kirgistan, wir sehen uns wieder.
Dann waren es nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze. Eine kleine, winzige Grenze. Ohne Probleme, ohne Fragen, ohne Gepäckkontrolle. Alles entspannt. Und so ging es wieder zurück nach Kasachstan.
Ich habe Kirgistan geliebt. Vor allem die Natur – sie steht für mich ganz oben. Kein anderes Land kommt bisher da ran, gerade weil sie so anders ist als alles, was ich vorher gesehen habe. Und die Menschen: superfreundlich, wie so oft in Zentralasien.
Eine tolle Zeit. Mehr als einen Monat war ich in diesem traumhaft schönen Land.
Nach so einer schönen Zeit in Kirgistan ging es zurück nach Kasachstan. Mein erster Aufenthalt war schon etwa vier Monate her und rund 3.000 km weiter westlich – also konnte es hier ganz anders werden. Eigentlich hatte ich kaum Erwartungen, Kasachstan war wieder eher eine Durchreise. Irgendwie schade, dass es für mich bisher immer so ein „Durchreise-Gefühl“ hatte.
Um dem ein bisschen entgegenzuwirken, machte ich einen kleinen Umweg zu den Grand Canyons. Dank Rückenwind erreichte ich sie fast direkt am ersten Tag – mit 40 km/h auf der Ebene, ohne Abfahrt, ein verrücktes Gefühl. Auf der Abfahrt dann noch schneller: ich erreichte meinen Geschwindigkeitsrekord. Die Straße war gut, kaum Verkehr – da macht Radfahren richtig Spaß. Es fühlte sich fast an wie Fliegen. Am Schlafplatz konnte ich noch Greifvögel beobachten.
Der Canyon selbst überraschte mich sehr. Ich hatte gar nicht so viel erwartet, auch wenn er von anderen deutschen Reisenden empfohlen wurde. Die Farben, die Felsen, die Landschaft – einfach beeindruckend. Ich wanderte zuerst den oberen Weg, dann noch den unteren, direkt durch den Canyon. Wirklich beeindruckend. Kein Wunder, dass der Nationalpark gut besucht ist. Die meisten Besucher waren Einheimische, aber auch eine Gruppe Australier. Sie dachten sogar, ich käme aus Australien – mein längeres Haar und Surfer-Look scheinen da verwirrt zu haben.
Ein größerer Unterschied zwischen Kirgistan und Kasachstan fällt direkt auf: der Umgang mit Ausländern. In Kirgistan ist alles entspannt, die Menschen nett, Touristen einfach normal. In Kasachstan hingegen sind viele überrascht und neugierig. Man fragt, macht Fotos, interessiert sich dafür, was man macht oder sagt.
In den folgenden zwei Tagen ging es dann direkt weiter Richtung Grenze. Das nächste Land braucht ein bisschen Vorbereitung: VPN, neue Apps – Dinge, die in Asien oft nötig sind. Ein bisschen Spannung darf also noch bleiben. :)
Damit endet meine Etappe in Zentralasien und durch die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Die 3,5 Monate, die ich dort verbracht habe, merkt man am Ende doch. Gerade am letzten Tag im Supermarkt: Ich unterhielt mich bestimmt 15–20 Minuten mit einem Mann, ich auf Englisch, er auf Russisch, dazu viel Zeichensprache. Es klappt also auch ohne gemeinsame Muttersprache. Nach 3,5 Monaten kann ich Grundfragen auf Russisch ganz gut, das erleichtert den Alltag enorm.
Nach drei Nächten in Kasachstan war es dann auch wieder vorbei – kurz, aber schön. Nach dem Canyon war mein Kopf eigentlich schon im nächsten Land: China. Und so ging es weiter nach Ostasien.
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