Mein Zuhause habe ich mit dieser Reise verlassen. Ich habe mich für ein Leben ohne feste Wohnung entschieden – zumindest für eine gewisse Zeit. Damit liegt auch das sesshafte Leben erst mal
hinter mir. Und trotzdem bleibt mein Elternhaus irgendwie mein Zuhause. Auch als ich dort längst nicht mehr wohnte, meinte ich mit „Ich fahre nach Hause“ meistens das Haus in Marl. Die Wohnung in
Essen dagegen hatte mehr von dem, was Zuhause für mich ausmacht: Entspannung, Abschalten, Gewohnheiten, Stille. Einfach das Gefühl von Zuhause.
Aber auch jetzt, auf Reisen, habe ich dieses Gefühl – und es ist mit der Zeit gewachsen. In den letzten Monaten ist mein Zelt zu meinem Zuhause geworden. Wenn ich abends mein Zelt aufbaue, kann
ich abschalten. Selbst wenn der Platz nicht ideal ist oder der Tag noch im Kopf nachklingt – im Zelt kann ich das zur Seite legen. Was auf dem Rad manchmal schwerfällt, klappt dort fast immer.
Wenn ich abends drin sitze oder liege, den Kocher anmache, um noch Nudeln oder etwas Kleines zu machen – auch wenn es schlechter schmeckt als im Restaurant und preislich manchmal kaum ein
Unterschied ist – fühlt es sich richtig an. Ich mag diesen Moment. Das Zischen des Kochers, ein einfaches Essen, vielleicht ein YouTube-Video oder ein Hörbuch dazu – fast wie früher auf der Couch
vorm Fernseher.
Manchmal schreibe ich noch etwas, für mich oder den Komoot-Blog, oder ich liege einfach still da. Und dann ist alles da: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, sogar Büro. Die Toilette? Im Garten. Und
der Garten ist riesig – manchmal mit Bergblick, manchmal mit weitem Himmel, manchmal einfach still.
Ein bewegliches Zuhause – ist das nicht eigentlich perfekt? Zumindest für mich. Die wohl praktischsten und gemütlichsten drei Quadratmeter, die ich je hatte. Und doch: Das Zuhause-Gefühl war
nicht ab dem ersten Tag da. Es hat sich entwickelt. So wie man sich auch in einer neuen Wohnung erst einlebt. Es kam mit den Abläufen, mit den Abenden, mit dem ersten Mal, als ich wirklich zur
Ruhe kam.
In meinem Zelt kann ich fast überall zuhause sein: in den Bergen, am Meer, in der Steppe, in der Wüste, neben einer Polizeiwache oder auf einem Feldweg. Und weil ich mein Zuhause immer dabeihabe,
muss ich mir selten Sorgen machen, wo ich schlafe. Klar, manche Abende waren zäh, manchmal dauerte es lang, bis ich einen Platz fand – aber am Ende habe ich immer einen gefunden. Und dann war ich
angekommen.
Wenn ich mehrere Tage in Hostels oder Hotels verbringe, merke ich oft, wie sehr mir das Zelt fehlt. Es ist vielleicht nicht luxuriös, aber es ist vertraut. Es gehört zu meinem Alltag, und darin
fühle ich mich am meisten zuhause. Spätestens als mein Zelt einmal kaputtging, wurde mir klar, wie wichtig es geworden ist. Nicht nur als Unterschlupf – sondern als Rückzugsort. Als mein Ort.
Vielleicht habe ich irgendwann wieder ein festes Zuhause, mit Schlüsseln und Klingelschild. Aber gerade jetzt reicht mir mein Zelt. Es ist nicht groß, aber erstaunlich bequem – zumindest unbequem
ist es nie. Ich weiß, wie ich darin zur Ruhe komme. Und solange das so ist, brauche ich erstmal nicht mehr. Vielleicht bleibt das noch eine Weile so. Und wenn nicht, habe ich zumindest jetzt ein
Zuhause, das überall sein kann.