Das Allein, aber nicht einsam

Das Alleinreisen ist eine der schönsten Seiten dieser Reise. Meist fühlt es sich wie ein befreiendes Gefühl an. Alles selbst zu planen und Entscheidungen ganz spontan zu treffen – ob Route, Essen oder einfach nur, wann ich eine Pause mache.


So eine lange Reise kann ich mir für mich gar nicht anders als alleine vorstellen. Dafür müsste es schon ein wirklich perfekter Reisepartner sein – und das weiß man ja meist vorher nicht. In manchen Doku-Filmen oder Büchern wurde das gemeinsame Reisen sogar zum Problem und man trennte sich recht schnell. Genauso gibt es aber auch Reisepartner, bei denen es funktioniert. Jeder muss seinen eigenen Weg finden – und meiner ist das Alleinreisen.


Wichtig ist für mich dabei auch: Alleinsein bedeutet nicht automatisch Einsamkeit. Im Gegenteil – oft fühlt sich das Alleinsein auf der Reise wie ein Gewinn an. Ich bin mit meinen Gedanken, meiner Umgebung und dem, was ich tue, im Reinen. Das Gefühl von Einsamkeit kommt bei mir zum Glück nur sehr selten vor. Manchmal verwirrt es mich fast ein wenig, wie selten das eigentlich ist.


Aber wenn ich in größeren Städten Pausen mache, kommt es manchmal doch. Irgendwie ist alleine Städte besichtigen einfach nicht so meins. Warum das so ist, weiß ich nicht genau, aber es ist halt so. Deshalb mache ich in Städten meistens nur kurze Pausen – ein oder zwei Tage.


Da mich meine Familie – manchmal nur ein Teil davon – auf dieser Reise schon dreimal besucht hat, kommt dieses Gefühl von Einsamkeit besonders nach dem Abschied. Es ist eine Mischung aus Abschiedsschmerz und Leere, die sich manchmal anschleicht, sobald sie wieder weg sind.


Da ich meine Gedanken auf dem Rad inzwischen ziemlich gut steuern kann, ist das unterwegs kein großes Thema. Früher hätte ich gesagt, ich kann den Kopf frei machen – aber „steuern“ passt nach so viel Zeit auf dem Rad irgendwie besser. Und steuern heißt nicht immer verdrängen. Manchmal lasse ich das Gefühl bewusst zu, weil es gar nicht so schlimm ist. Es erinnert mich an die Menschen zu Hause und macht die Verbindung zu ihnen vielleicht sogar noch ein Stück wertvoller.


Meistens spüre ich solche Einsamkeitsgefühle eher an Tagen, an denen ich nicht fahre. Nach dem ersten Abschied in Istanbul habe ich deshalb für mich gelernt, lieber nicht zu lange in einer Stadt zu bleiben, sondern schnell wieder aufs Rad zu steigen.


Aber manchmal denkt man sich schon: Es wäre schön, seine Erlebnisse mit jemandem teilen zu können. Man kann noch so viel schreiben, noch so viele Bilder machen – so richtig kann man es trotzdem nicht vermitteln. Das ist mir besonders aufgefallen, als ich mit meinem Vater gemeinsam einen dieser ganz besonderen Tage erlebt habe. Niemand außer uns beiden kann wirklich verstehen, wie verrückt dieser Tag war. Es ist schön, diese Erinnerung gemeinsam zu haben.


Aber an den meisten Tagen bin ich eben allein mit meinen Erlebnissen. Ich versuche, sie in Texten und Bildern mit anderen zu teilen – auch wenn mir klar ist, dass das nie ganz möglich sein wird.


Und zum Glück leben wir im 21. Jahrhundert – ein Kontakt nach Hause funktioniert (fast) immer. Auch wenn man mal quatschen will, klappt es eigentlich immer. Also selbst wenn die Distanz zehntausend Kilometer beträgt, fühlt es sich dadurch manchmal doch überraschend nah an. Und wenn man so sagen kann – fast überall gibt’s auch Internet. Nur selten gibt’s Tage komplett ohne. An diese Tage musste sich besonders meine Familie etwas gewöhnen. Die längste Phase ohne Internet waren fünf Tage auf dem Pamir Highway – aber das sind wirklich Ausnahmen. Auch wenn es schön ist, immer telefonieren zu können, ersetzt es natürlich kein Gespräch am Esstisch.


Am Anfang war das besonders hilfreich: Wenn mal etwas nicht gut lief, konnte ich mir ein wenig den Frust von der Seele reden. Ich weiß noch, wie ich zuhause anrief, als ich sah, dass mein iPad-Display kaputt war – da musste ich einfach kurz reden und Luft rauslassen.


Und irgendwie ist alleine reisen oft gar nicht gleichbedeutend mit alleine sein. Besonders in Asien war es fast schon selten, einen Tag ganz ohne Gespräch zu haben. In der Wüste, der Steppe oder im Hochgebirge kam das mal vor, aber sonst begegnet man immer neugierigen Menschen. Manchmal ist es nur ein kurzes „Hallo, wie geht’s?“, manchmal auch mehr – und selbst wenn das natürlich nicht an Gespräche mit Familie oder Freunden heranreicht, gibt es einem ein gutes Gefühl. Als ich Kirgistan erreichte und das Hochgebirge hinter mir ließ, erinnere ich mich, wie sehr ich mich freute, als mich einheimische Kinder begrüßten und lachten – das hatte ich in den leeren, weiten Hochlagen richtig vermisst. Selbst wenn wir kaum gesprochen haben – endlich wieder andere Menschen um mich.