Ein paar leise Kuhgeräusche und das Rufen eines Hirten weckten mich am Morgen. Drüben, auf der anderen Seite des Flusses, zogen die Kühe langsam vorbei. Ich packte alles zusammen – noch acht Kilometer bis zum Tunnel.
Dann stand ich dort: vor dem Eingang eines sechs Kilometer langen Tunnels, spärlich beleuchtet. Mir war sofort klar – da fahre ich nicht durch. Zu gefährlich. Also anhalten und auf meinen ersten Hitchhike warten. Die Autos, die vorbeikamen, waren meist voll – und mit dem Fahrrad hintendran sowieso keine Option. Es blieb also nur, auf einen Transporter oder LKW zu hoffen. Der erste war voller Schafe. Der zweite hielt nach nur ein paar Minuten. Ein Blumentransporter auf dem Rückweg. Fahrrad rein, wir quetschten uns zu viert in die Fahrerkabine.
Eine gute Entscheidung, nicht selbst zu fahren. Auch im Laster war die Fahrt durch den Tunnel halsbrecherisch – der Fahrer bretterte nur so hindurch. Am Ende schenkte er mir ein kleines Tuch. Eine Erinnerung an meinen allerersten Hitchhike.
Auf der anderen Seite des Tunnels war alles anders. Die Landschaft schlug um. Wo es vorher noch flach war, fiel die Straße nun steil ins Tal. Ich konnte von oben schon die Serpentinen der nächsten Abfahrt sehen – 1.000 Höhenmeter tief. Unten angekommen: kleiner Mittagssnack und noch schnell Geld holen. Dann ging es weiter bergauf. Eine schmale Straße schlängelte sich durch eine eindrucksvolle Schlucht – mit wechselnden Gesteinsfarben, wild und wunderschön.
Zum Schluss noch ein steiler Anstieg. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fand ich einen Platz zum Schlafen – zwischen Fluss und Straße. Nicht perfekt, aber im Moment genau richtig. Wie gestern lag der Schlafplatz wieder über 2.000 Metern. Abends wird es hier merklich kälter. Tagsüber brennt die Sonne mit bis zu 35 Grad, aber nachts ist die Jacke angenehm. Und der Tag – anstrengend, aber unvergesslich. Wohl einer der Tage, an die ich mich noch lange erinnern werde. Einer der ganz, ganz schönen Tage.
Am Morgen ging es erstmal weiter bergauf – neun Kilometer, genauso steil wie die letzten Meter gestern. Dann stand ich vor dem Tunnel. Er ist oder war weltbekannt, auch als „Tunnel of Death“. Inzwischen wurde er zwar etwas modernisiert – es gibt ein wenig Licht, Belüftung, keine halben Meter tiefen Löcher mehr –, aber der Spitzname passt wohl immer noch, wenn man mit dem Fahrrad hindurchfahren will.
Am Tunneleingang begrüßten mich ein Soldat und ein paar Bauarbeiter. Sie sagten sofort: Nicht mit dem Fahrrad da durch! Aber es war viel ruhiger hier als am letzten Tunnel. Also warten – bis ein LKW-Fahrer seine Pause beendete und mich mitnahm. Fahrrad hinten rein, ordentlich festgezurrt. Und los ging’s. Vermutlich mein erstes Mal überhaupt LKW-Fahren – und dann gleich mit Anhänger.
Dieser Tunnel war nochmal deutlich schlimmer als der vorherige: die Straße in schlechterem Zustand, das Licht noch spärlicher, lose Kabel hingen von der Decke und streiften das Dach unseres LKWs. Im Inneren begegneten wir einer großen Gruppe italienischer Wohnwagen – ein seltsames Bild da unten.
Doch dann, endlich, das Licht am Ende. Und was für eins: Die Aussicht auf der anderen Seite war einfach unglaublich. Die Abfahrt ging ganz langsam – nicht wegen der Strecke, sondern wegen der vielen Pausen, die ich einlegte, um zu schauen, zu staunen, zu atmen. Kleine Tunnel zum Schutz vor Steinschlägen lagen auf dem Weg, meist konnte ich jedoch auf kleinen Pfaden daneben fahren – eigentlich für Schafe gedacht, heute für mich.
Die ganze Abfahrt und eigentlich der ganze Tag waren ein Traum. Mehr kann ich kaum sagen. Nur, dass ich heute unterwegs war, mein Kopf das alles kaum glauben konnte – dass ich hier wirklich mit dem Fahrrad hingefahren bin. Es fühlte sich surreal an. Auch wenn es kühl und frisch war, kam die Gänsehaut wohl eher von den Emotionen. Und die feuchten Augen auch. Es war einfach unbeschreiblich.
Manchmal gibt es in solchen besonderen Momenten diesen einen Augenblick, in dem einem wirklich bewusst wird, was man da gerade tut. Und wie verrückt schön das alles ist.
Am Abend erreichte ich dann doch noch Duschanbe. Zuerst dachte ich, ich schaffe es nicht mehr – zu viele Pausen –, aber es reichte. Im Hostel angekommen. Nicht ganz mein Lieblingsstil – etwas zu wenig Rückzugsmöglichkeiten in der Nacht –, aber offenbar ist das das Hostel für Langzeitreisende. Und das bin ich ja jetzt langsam auch.
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