Tag 178

Winter in der Türkei

Seit einigen Tagen schneite es ununterbrochen, und tagsüber stiegen die Temperaturen kaum über den Gefrierpunkt. Die absolvierte Nacht war die kälteste mit -9 Grad. Eigentlich war die Straße eine zweispurige Hauptstraße, doch durch den Schnee war sie nur noch einspurig befahrbar. Ich fuhr vorsichtig auf dem Seitenstreifen durch den Schneematsch. Normalerweise freue ich mich, wenn Autos mehr Abstand halten, doch heute dachte ich mir: Bleib einfach auf deiner Spur, auch wenn die Fahrzeuge nah an mir vorbeirasen. Immerhin hatte ich noch die beiden Fahrzeuge im Graben im Kopf.


Nach einer Weile wurde die Strecke besser, und die Straße war wieder richtig zweispurig. Als ich in der Stadt ankam, war gerade Schulschluss, und der unangenehme Schneeschauer verwandelte sich in einen schönen Schnee, bei dem ich es genoss, die Kinder spielen und sich gegenseitig necken zu sehen. Schnee ist hier wohl normal für diese Jahreszeit, doch der Spaß daran hat nichts von seiner Freude verloren.


Ich kam zu einer merkwürdigen Zeit an – viele Geschäfte, sogar Supermärkte, machten bereits zu. Zum Glück fand ich noch einen geöffneten Supermarkt und einen Imbiss. Danach ging es bergauf, diesmal auf einer kleinen Straße, die mehrere Dörfer verband und deshalb gut vom Schnee geräumt war. Doch je näher ich dem Pass kam, desto dichter wurde der Schnee auf der Straße. Wegen der Steigung und des Schnees musste ich zwischendurch schieben.


Einen Schlafplatz zu finden war schwierig, denn Nebenstraßen waren durch den Schnee kaum befahrbar. Auf der Bergseite wurde der Schnee deutlich mehr. Als ich in ein Dorf kam und eigentlich noch Wasser brauchte, beschloss ich, dort nach einem Platz zum Campen zu fragen. Kurz darauf fand ich mich jedoch vor einem Kamin in einem Café wieder, das zugleich der Aufenthaltsraum des Dorfes war.


Alle standen um mich herum, einer sprach etwas Englisch, und schnell wurde klar, dass ich wohl nicht draußen im Zelt schlafen würde, auch wenn ich noch nicht wusste, wo genau. Die Minuten vergingen mit vielen Gesprächen – manche per Zeichensprache, andere mit Google Übersetzer, und einige riefen Bekannte in Deutschland an. Ich telefonierte mit Mustafa, der über 30 Jahre in Deutschland gelebt hatte, aber jetzt im Dorf wohnte. Er sagte, er käme bald vorbei und ich könne bei ihm übernachten.


So verbrachte ich den Abend zuerst im Café und dann bei Mustafa, wo auch sein Cousin, ebenfalls Mustafa, war. Es wurde ein langer Abend, und bis nach drei Uhr war ich lange nicht mehr wach. Doch es war auch ein Abend voller schöner Begegnungen, der mir die Kälte und den Schnee ein wenig vergessen ließ.


Nach einer kurzen Nacht ging es zum Nachbarn Ibrahim zum Frühstück, den ich schon aus dem Café kannte. Hier konnte ich endlich warm duschen – nach den kalten Tagen eine wahre Wohltat. Ich wurde herzlich aufgenommen, sowohl von Mustafa als auch von Ibrahim. Sie boten mir Jacken und Schuhe für meine Reise an, aber ich entschied mich, lieber bei meinen eigenen Sachen zu bleiben.


Ibrahim versuchte, mich zu überreden, noch eine weitere Nacht zu bleiben, doch da es die nächsten Tage mehr schneien sollte und ich über einen Pass musste, entschied ich mich weiterzufahren. Bevor ich loszog, fragte man mich, ob ich sein Pferd reiten wolle, und kurz darauf saß ich auf dem Sattel. Bei dem Schnee wäre das vielleicht eine gute Alternative gewesen.


Anschließend kehrte ich zurück zum Café, da Mustafa und Ibrahim etwas außerhalb des Dorfes wohnten. Danach stieg ich endlich wieder aufs Fahrrad. Nun stand wohl einer meiner schwierigsten Streckenabschnitte bevor: viel Schnee und Steigung. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Warnungen übertrieben waren. Zwar wurde der Schnee durch die Steigung mehr, aber die Straße war gut geräumt. Am Pass lag der Schnee schätzungsweise 30 bis 50 cm hoch, doch die Straße blieb passierbar.


Nach der Passage folgte eine schöne Abfahrt bis auf 500 Meter Höhe. Normalerweise freut man sich darauf, doch bei frostigen Temperaturen war es weniger angenehm. Deshalb machte ich zwischendurch eine Pause, um mich im Supermarkt aufzuwärmen.


Nach einigen Höhenmetern bergab war der Schnee schließlich verschwunden. Besonders auf dem Rad merkt man, wie sehr das Wetter von der Höhe beeinflusst wird. Schließlich fand ich einen Schlafplatz in der Nähe eines kleinen Wasserfalls an einem Fluss. Das plätschernde Wasser war zwar etwas laut, doch zum Schlafen störte es mich zum Glück nicht.