West Asien

Türkei – Asien beginnt

Mit dem Beginn des Jahres 2025 beginnt auch das Kapitel in Westasien. Eine kurze Fährfahrt über den Bosporus – und schon war ich in Asien. Neuer Kontinent, aber dasselbe Land: Türkei. Und auch wieder mit einem gut ausgestatteten Fahrrad, denn in Istanbul wurden viele Teile ausgetauscht. Bei so einer riesigen Stadt braucht man fast einen ganzen Tag, um sie zu verlassen – ein Großteil der Strecke führte an der Küste entlang. Es war Neujahr und das Wetter gut, also wurde der Tag gleich gut genutzt. Noch eine weitere Fährfahrt, dann war ich endgültig raus aus der Stadt. Und es konnte weitergehen.


Die letzten Tage in Europa waren nicht ganz einfach gewesen, deshalb war ich froh, wieder auf dem Rad zu sitzen – nicht nur, um meine Reise fortzusetzen, sondern auch, um die mental schweren Tage hinter mir zu lassen. Auf dem Rad bekomme ich den Kopf am besten frei.


Wie schon oft entschied ich mich auch in der Türkei gegen den direkten Weg nach Osten und fuhr lieber erst einmal in den Süden – den angenehmen Temperaturen hinterher. Und so führten die ersten Tage an der Küste entlang. Traumhaft schön. In dieser Umgebung knackte ich auch die 10.000-Kilometer-Marke. Das sorgte zuhause für Aufmerksamkeit – mehr Leute bekamen meine Reise mit, einige posteten auf Instagram über mich, was ich sehr schön fand. Sogar ein lokaler Radiosender interessierte sich für meine Tour. Verrückt – ich fahre doch nur Rad. :) Nach kurzem Überlegen und Zögern nahm ich die Anfrage an – und war plötzlich im Radio.


Weniger erfreulich: Genau zu den 10.000 km brach die Schraube meiner Sattelklemme. Der Sattel rutschte ganz nach unten. Bei einem hilfsbereiten Metallbauer wurde die Schraube ausgebohrt und ein neues Gewinde geschnitten – der Beginn meiner Fahrradprobleme in der Türkei, denn es sollten noch einige folgen. Ich verließ die Küste und schlug einen etwas direkteren Weg Richtung Izmir ein. Mit den ersten Sonnenstrahlen kamen auch die kurzen Hosen wieder zum Einsatz – ein Traum. In Izmir tauschte ich dann die Sattelklemme nochmal richtig aus, bevor es wieder an der Küste weiterging – zumindest für ein paar Tage.


Unterwegs fand ich dann auch etwas, das ich in den ersten Wochen in der Türkei vermisst hatte: Pesto. Gibt’s bei Migros, einem etwas selteneren Supermarkt – ganz anders als BİM oder 101, aber wenn ich mal eines dieser Gläser finde, freue ich mich jedes Mal.


Nach der Küste entschied ich mich für einen kürzeren Weg ins Landesinnere. Einige rieten mir, weiter die Küste zu fahren – zum Glück tat ich es nicht, sonst hätte ich vieles verpasst. Mit dem Landesinneren kam dann auch die erste richtige Steigung – und das nächste Radproblem: Ein Stück meines Hinterrads war gebrochen. Ich brauchte ein neues. Ein Radladen lag 60 km entfernt, also fuhr ich mit einer guten Acht weiter. Leider war Sonntag: Google Maps sagte offen, der Laden hatte aber zu. Also raus aus der Stadt, irgendwo zelten. Am nächsten Tag konnte ich das Rad endlich tauschen. Es gab nur eines, das einigermaßen passte – ein besonderes Modell, dazu später mehr.


Mit dem neuen Rad stieg auch die Laune, und das zurecht: Endlich wieder Berge, und das ohne zu frieren. Hier begegnete mir wieder diese unglaubliche türkische Gastfreundschaft – aus Autos wurden mir Shia und Snacks gereicht, jemand wollte mir sogar seine Mütze schenken, weil es am Pass kalt wurde. Ein Traktorfahrer wollte mich den Berg hochziehen – er wollte es unbedingt, aber aus Sicherheitsgründen lehnte ich ab. Einer der schönsten Momente war, als eine Frau mit ihrem Kind extra anhielt, weil sie mich nochmal sehen wollte – sie war ganz begeistert. Gerade diese Region fühlte sich irgendwie besonders verbunden an.


Nach dem Aufstieg kam die Abfahrt – auf der Hauptstraße, die hier eher einer deutschen Autobahn gleicht. Aber bergab war ich fast so schnell wie die Autos. So ging es zügig nach Antalya. Mein Airbnb lag direkt in der Altstadt – leider mit ein paar Abstrichen. Zur Dusche musste ich 15 Minuten laufen, bei mir gab es kein warmes Wasser, und die Waschmaschine pumpte nicht ab. Antalya war eine schöne Stadt, aber für einen Pausentag war ich noch nicht bereit – also weiter, auch wenn es sich eigentlich angeboten hätte.


Wieder an der Küste entlang, diesmal aber nicht so schön. Manchmal war das Meer kaum zu sehen, stattdessen reihten sich riesige Hotelanlagen aneinander. Aber an einem Abend fand ich einen netten Platz direkt am Meer, an einem Pinienwald – kein Geheimtipp, viele Einheimische und Camper aus aller Welt waren dort. Die Hotels wurden weniger, und ich näherte mich Alanya. Kurz vor der Stadt suchte ich mir einen Strand – nicht zum Schwimmen, sondern zum Schlafen. Die erste Nacht ganz ohne Zelt – einfach mit Isomatte und Schlafsack unter freiem Himmel.


Durch Alanya ging’s nur schnell durch – und ab in die Berge. Zuerst entlang eines Flusses, mit vielen Cafés und Restaurants, dann entlang eines malerischen Stausees. Der harte Teil kam erst noch. Und dann: Knack-knack-knack. Die Vorderradnabe war komplett auseinandergebrochen – bergauf keine Chance mehr. Also zurück nach Alanya – zum Glück nur noch rollen. Zwei Tage später dann zu einem deutschen Fahrradverleih, mit dem ich geschrieben hatte. Er hatte ein Ersatzteil bestellt – das kam aber nicht am gleichen Tag, also ein bisschen Sightseeing mit einem Leihfahrrad. Am nächsten Tag kam das Teil – leider das falsche. 36 Speichen statt 32. Deshalb musste auch der Laufradrahmen getauscht werden – gegen einen deutlich dünneren. Länger warten wollte ich nicht. So wurden es vier Nächte in drei verschiedenen Hotels in Alanya.


Danach ging’s endlich in die Berge. Ich entschied mich gegen den Osten und für den Norden – sagte Tschüss zum Mittelmeer, einem treuen Begleiter meiner Reise. Der Weg nach oben war ein anderer, aber die Radprobleme ließen nicht lange auf sich warten: Am zweiten Tag brach eine Speiche im neuen Hinterrad. Und der Haken daran: Das Rad hatte eine spezielle Speichenart, die man in der Türkei nicht bekommt. Also musste ich erstmal mit einer Speiche weniger weiterfahren.


Die Landschaft war traumhaft. Als ich plötzlich unten am Fluss stand, türkisblaues Wasser unter mir, war ich ehrlich gesagt ein wenig überwältigt – fast schon kitschig schön. Doch aus den Bergen raus kam der zweite Speichenbruch – und der war der Auslöser für eine mental schwierige Phase. Ich begann, mir Sorgen zu machen, entdeckte „weitere Probleme“, die sich später gar nicht als solche herausstellten. Aber die Türkei wäre nicht die Türkei, wenn es nicht auch in solchen Momenten Hilfe gäbe: Als ich mit schlechter Laune weiterfuhr, hielt ein Auto an und schenkte mir einen Döner. Sofort war die Stimmung etwas besser.


Der nächste Tag – auf dem Weg zur Werkstatt nach Konya – wurde der bislang schwerste meiner Reise. Zwei Speichen weniger, eine starke Acht, und das Ganze auf einer befahrenen Schnellstraße. Der Kopf rauchte: Was ist noch kaputt? Endlich in der Werkstatt: Speichen getauscht, Tretlager auch – stellte sich aber raus, war gar nicht kaputt. Das Geräusch kam vom verschlissenen Kettenschloss. Danach ein schönes Mittagessen mit der Familie – und die Laune war plötzlich wieder gut. Am Abend sagte ich am Telefon: „Zum Glück war hier kein Flughafen heute – sonst wäre ich vielleicht jetzt schon zuhause. Na ja, wahrscheinlich nicht.“ Ein harter Tag war geschafft.


Weiter ging’s Richtung Kappadokien. Eine Nacht davor, an einem Salzsee, kam die Polizei. Pässe kontrolliert – dann durfte ich weiterschlafen. In Kappadokien traf ich einen anderen deutschen Radreisenden, der auf dem Weg nach Thailand war. Wir campten gemeinsam – traumhafter Platz. Früh am nächsten Morgen bestaunten wir gemeinsam den Aufstieg der vielen Ballons – faszinierend. Am nächsten Tag folgte eine Wanderung durch diese einzigartige Landschaft. Kappadokien hatte ich zunächst etwas skeptisch betrachtet – so ein großer Tourispot. Aber es war nicht viel los, und es war wirklich wunderschön. Ein echtes Highlight. Kein Wunder, dass es so bekannt ist.


Nach zwei Nächten ging’s weiter – der Winter kam. Ich hätte hier noch gerne ein paar Tage gewandert, aber die nächste Nacht wurde bereits weiß. In den nächsten Wochen erreichten die Temperaturen kaum noch den Gefrierpunkt, manchmal waren es maximal zwei Grad. Ich fuhr langsam, machte oft Mittagspause in Cafés – nahm jeden Shia dankend an, oft auch mit einer Kleinigkeit zu essen.


An einem Pass lag dann deutlich mehr Schnee auf der anderen Seite – sicher 30 bis 40 cm. Die Nacht davor hatte ich meinen Kälterekord: –9 °C. Als ich keinen guten Schlafplatz fand, fragte ich in einem Dorf bei einem Laden nach – vielleicht auch etwas bewusst kraftlos. Schnell saß ich im vollen Dorfcafé. Es gab Shia, Essen, gute Stimmung – und bald war klar: Heute schlafe ich nicht im Zelt. Ich konnte mir sogar den Schlafplatz aussuchen. Als ein Deutschsprachiger auftauchte, war mein Gastgeber gefunden: Mustafa, der 20 Jahre in Deutschland gelebt hatte. Ein langer, schöner Abend. Am nächsten Morgen Frühstück beim Nachbarn – und sogar eine kleine Reitstunde. Auch wenn alle wollten, dass ich noch bleibe – ich musste weiter. In zwei Tagen sollte es noch mehr schneien, und ich wollte die wärmere Küste erreichen.


Mit dem Schwarzen Meer bei Samsun endeten die ganz kalten Tage. Es wurde etwas wärmer – nicht viel, aber immerhin Plusgrade. Die Küstenstraße war mal schön, mal anstrengend – vor allem mit Lkw, Autos und dunklen, gruseligen Tunneln. Auch hier brachen noch ein paar Speichen. Aber der Kopf kam besser damit klar – einfach zum nächsten Radladen.


Mit nicht ganz so tollem Wetter verließ ich schließlich die Türkei.

Die Türkei bleibt bei mir als besonderes Land in Erinnerung. Auch die Zeit dort war besonders vielseitig – ob es meine eigene Stimmung betraf, besonders gut oder mit ersten Gedanken ans Ende der Reise, die Temperaturen, von kurzer Hose am Mittelmeer bis zu -9 Grad im Zelt. Aber auch die Landschaft war beeindruckend: Küsten am Mittelmeer oder Schwarzen Meer, Berge und Hochebenen auf über 1.000 Metern, kleine Dörfer und größere Städte bis hin zu Millionenmetropolen. Und überall begegnete mir eine besonders große Gastfreundschaft – wie oft ich zum Essen eingeladen wurde, auf einen Shia, einfach zum Quatschen oder mit einer offenen Einladung zum Übernachten. Alle, außer den Scammern in Istanbul, waren unheimlich nett.


Und: Ein kompletter Türkei-Text ohne das Thema Hund wäre nicht vollständig. Hunde gab es viele – Hütehunde, Dorfhunde, Wachhunde, Haushunde, wilde Hunde. Einige davon waren neugierig, andere eher abschreckend. Ich hatte keine Angst, aber viel Respekt. Mit der Zeit gewöhnt man sich an sie – man lernt, die verschiedenen Typen zu unterscheiden: die, die nur bellen, die mitrennen, die einen einfach nur anschauen oder auch die, die vielleicht wirklich beißen wollen. Ein paar Bissspuren an meinen Taschen zeugen von letzterem – mein Körper blieb zum Glück verschont. Beängstigender war ein Abend, als ein paar Hütehunde laut vor meinem Zelt bellten. Doch als ich merkte, dass sie nur bellten und mit der Schafherde weiterzogen, war auch das in Ordnung. Man wächst mit den Herausforderungen – auch mit denen auf vier Pfoten.

Georgien

Georgien begann heftig: sehr kalt, sehr nass – also erst mal ab ins Hotel in Batumi. Und am nächsten Morgen: plötzlich mehr als 80 cm Schnee. An Radfahren war nicht zu denken. Zwangspause, fünf Tage lang. Danach beruhigte sich das Chaos in der Stadt etwas. Auch wenn noch einiges an Schnee lag, waren die Straßen wieder frei.

 

Die erste Nacht draußen fand ich einen Platz direkt am Strand – dort lag erstaunlicherweise kein Schnee. Die zweite Nacht dann unter einer Bushaltestelle. Ich hatte den Platz mit der Polizei abgesprochen, aber um 21 Uhr kam trotzdem ein Pick-up-Truck – die Beamten meinten, es sei einfach zu kalt zum Zelten. Nach einigem Hin und Her war klar: ich darf nicht hier bleiben. Also alles zusammenpacken – Fahrrad, Taschen, Zelt – und zurück zur Polizeistation, an der ich 20 km vorher schon vorbeigekommen war. Dort durfte ich mein Zelt direkt in der Wache aufstellen und die Nacht verbringen. Definitiv einer der ungewöhnlichsten Schlafplätze dieser Reise.

 

Am nächsten Abend fand ich einen Platz bei heißen Quellen. Auf dem Weg dorthin wurde ich von zwei deutschsprachigen Georgiern zum Mittagessen eingeladen – ihr Deutsch war zwar bruchstückhaft, aber herzlich. Später hielten auch Einheimische mit dem Auto an und reichten mir Wodka – da merkt man die Nähe zu Russland.

 

Dann ging’s weiter nach Kutaissi, gerade rechtzeitig: Mama und Lina hatten mich in Istanbul besucht, und jetzt kam Papa nach Georgien – mit eigenem Fahrrad. Eine Woche lang radelten wir gemeinsam. Das änderte einiges: Wir hatten ein festes Ziel mit Tiflis, übernachteten öfter in Hotels, und ich war nicht mehr nur in meinem eigenen Tempo unterwegs. Aber das war es allemal wert – es war schön, jemandem meinen Alltag zu zeigen. Das funktioniert mit Texten und Fotos einfach nicht. Auch besondere Erlebnisse lassen sich nur schwer teilen – aber in dieser Woche ging das.

 

Der zweite Tag war wahrscheinlich der verrückteste – und nur Papa kann ihn sich wirklich vorstellen, weil er dabei war. Wir entschieden uns gegen die Hauptstraße und für einen Pass. Die ersten Einheimischen warnten uns: unpassierbar. Aber wir dachten: Wir probieren’s. Notfalls gibt’s ja noch einen Zug. Später erfuhren wir: oben liegt eine zwei Meter hohe Schneewand. Also gingen wir zum nächsten Bahnhof – aber der einzige Zug fuhr erst um 22 Uhr, und danach hätte es keinen guten Schlafplatz mehr gegeben. Also doch wieder zurück zur Passstraße.

 

Die Autos wurden weniger, die Straße schlechter. In einem kleinen Kiosk holten wir noch ein paar Snacks – und hörten von zwei weiteren Leuten: „Der Pass ist machbar.“ Also weiter. Doch irgendwann: eine 1,5 m hohe Schneemauer. Mist. Aber wir hörten Motorengeräusche und sahen ein seltsames Fahrzeug halb im Schnee stecken. Ich ließ die Drohne steigen – es war ein alter Schneepflug, der sich mühsam durch die Schneemassen arbeitete. Er verband die freien Straßenstücke. Wir warteten mehrere Stunden, es wurde später und kälter. Doch irgendwann war der Weg frei. Noch ein paar Minuten bei Tageslicht, dann in der Dunkelheit rauf zum Pass – und auf der anderen Seite wieder runter in die Stadt. Dort ein Hotel. Ein völlig verrückter, aber toller Tag. Allein hätte ich wohl irgendwo im Schnee gezeltet – aber das konnte ich Papa nicht antun.

 

Auch die restliche Woche war besonders. Gemeinsam kamen wir pünktlich in Tiflis an, sodass wir noch einen Tag für Stadtbesichtigung hatten. Dann hieß es Abschied nehmen – Papa fuhr mit dem Zug zurück nach Kutaissi und von dort mit dem Flugzeug nach Hause.

 

Ich hatte in Istanbul gemerkt: Abschiede in einer Stadt tun mir nicht gut. Obwohl ich eigentlich noch Dinge in Tiflis zu erledigen hatte, entschied ich mich, am selben Tag aufzubrechen – für eine kleine Rundtour durch Georgien. Die Tage waren entspannt, der Frühling kam, und ich konnte auch mal einen Nachmittag einfach am Fluss verbringen. Danach wieder zurück nach Tiflis.

 

Dort verbrachte ich einen ganzen Tag am See – genau das hatte ich mir vorgenommen. Doch beim Zeltaufbau brach eine Zeltstange. Zum Glück war das Wetter top – da ging’s auch mal ohne. Aber langfristig sollte das Zelt schon wieder einsatzbereit sein. Also nochmal ein Grund für den Stopp in Tiflis.

 

Der Hauptgrund aber war ein anderer: Wer aus Georgien weiterreisen will, muss früher oder später durch Tiflis.

Plan A war, mit dem Zug nach Aserbaidschan zu fahren. Doch die Grenze ist seit 2021 geschlossen, und die angekündigte Zugverbindung wurde immer weiter verschoben – auch im Juli 2025 war sie noch nicht in Betrieb.

Plan B: Transitvisum durch Russland. In Tiflis bekommt man allerdings nur ein 3-Tage-Visum – das fand ich selbst am Schalter raus. In Jerewan gab’s früher ein 10-Tage-Visum, aber das ist inzwischen auch gestrichen. Bus und Zug durch Russland wären möglich – aber das Visum dafür teuer und aufwendig.

Plan C: ein Flug. Nicht mein Favorit, fühlt sich auch etwas falsch an – aber es war die sinnvollste Option, um nach Zentralasien zu kommen. Also buchte ich einen Flug in zwei Wochen ab Kutaissi – Zeit für einen weiteren Umweg.

 

Ich machte mich also noch einmal auf den Weg Richtung Süden – in den Kleinen Kaukasus. Die erste Nacht draußen war dann auch der Testlauf für die reparierte Zeltstange. Nicht perfekt, aber sie hielt. Und auf diesem zweiwöchigen Umweg verließ ich Georgien sogar noch einmal.

Armenien

Armenien kam erst kurz vor knapp auf meinen Plan. Nicht, weil ich nicht hinwollte, sondern weil ich lange offenlassen wollte, ob ich später doch noch nach Aserbaidschan reise – mit einem armenischen Stempel im Pass ist das nämlich nicht mehr möglich. Aber jetzt, da meine Route definitiv ohne Aserbaidschan weitergeht, konnte ich zum Glück noch kurz nach Armenien – und direkt ab in die Berge.


Schon die ersten Tage führten durch eine wunderschöne Schlucht. An einem kleinen Kiosk hielt ich an – und bekam spontan eine kleine Geschichtsstunde über Armenien und sogar ein paar Reisetipps, auf Deutsch. Die Verkäuferin hatte in der Schule Deutsch gelernt und war einmal nach Deutschland gereist – weil sie unbedingt die Wuppertaler Schwebebahn sehen wollte, die sie aus dem Unterricht kannte. Großartig.


Nach der Schlucht ging’s weiter bergauf – teilweise lag noch Schnee neben der Straße, schließlich ging es auf über 2.000 Meter. Traumhafte Ausblicke. In einer kleinen Stadt bekam ich sogar ein ganzes Hostel-Apartment für mich allein – Nebensaison sei Dank. Danach fuhr ich zum großen Sewansee und weiter nach Jerewan – leider mit trüber Sicht, sodass der heilige Berg Ararat, der eigentlich die Kulisse dominieren sollte (auch wenn er geografisch schon in der Türkei liegt), unsichtbar blieb.


Dann wieder raus aus der Stadt und zurück in die Berge. Ich war nur kurz in Armenien, aber habe ordentlich Höhenmeter gesammelt. Und was für Strecken – Schlafplätze, Ausblicke, Lichtstimmungen… Dinge, die man nicht in Texten festhalten kann. Der kleine Abstecher hat sich mehr als gelohnt. Wie ich mal gesagt habe: Georgien liegt am Kaukasus, Armenien mitten im Kleinen Kaukasus.

Georgien - Teil 2

Zurück in Georgien – und nur noch ein paar Tage bis zum Flug. Ich lag gut in der Zeit, aber viel bummeln war nicht mehr drin. Die ersten zwei, drei Tage waren aber nochmal richtig schön – es ging durch enge Schluchten und ruhige Täler. Dann wurde die Strecke vertrauter: die letzten zwei, drei Tagesetappen fuhr ich genau entgegengesetzt zur Route, die ich Wochen zuvor mit Papa genommen hatte – inklusive der Stelle mit den 1,5 Meter hohen Schneehaufen. Verrückt, wie sich so eine Strecke in wenigen Wochen komplett verändern kann. Die Straße war immer noch holprig, aber längst nicht mehr im Ausnahmezustand.


Vorher aber noch ein Gedanke zur Gastfreundschaft in Georgien: Die war stark regional unterschiedlich. Manchmal beeindruckend herzlich – dann wieder Orte, wo mich niemand grüßte. Aber die schönen Begegnungen bleiben. Zum Beispiel der Mann, der mich zum Kaffee und Schnaps einlud. Oder der Wodka aus dem Autofenster. Oder das Essen mit einer armenisch-georgischen Männergruppe, die beim Nachschub kein Nein akzeptierte. Oder der kleine Snack auf dem Pass, der mir einfach so angeboten wurde.

Oder der Halt am Straßenrand, bei dem ich spontan auf ein Bier eingeladen wurde. Oder das kurze Gespräch mit einem Mann, der mir stolz von seiner früheren Profikarriere als Fußballer in der sowjetischen Liga erzählte.

Es gibt sicher noch viele kleine Gesten, die ich gar nicht mehr genau erinnere, aber sie alle haben Spuren hinterlassen.


In Kutaissi ging’s erstmal ins Hotel. Am nächsten Tag zum Fahrradladen, um nach einer Fahrradbox zu fragen. Gab’s nicht – aber sie hoben große Elektrokartons für mich auf. Am darauffolgenden Tag konnte ich ein paar abholen und baute mir im Hotel eine stabile Box. Alles passte – und hielt. Letzter Abend: nochmal typisch georgisch essen gehen. Danach zusammen mit dem Hotelbesitzer ein Taxi für den nächsten Morgen bestellt.


Am Flughafen öffnete der Schalter zwei Stunden vor Abflug – ich war früh da, aber die Schlange war schon lang. Und mein Karton: mehrere Kilo zu schwer. Also alles wieder auf, schnell eine zusätzliche Tasche gepackt. Ich war schon recht dick angezogen und kam durch das Ganze ziemlich ins Schwitzen. Und wieder: zu schwer. Noch mal raus, nochmal umgepackt – dann endlich durch. Auch das zusätzliche Gepäckstück musste ich nicht bezahlen. Glück gehabt.


Doch dann: Sicherheitskontrolle. Riesige Schlange. Und plötzlich wurde es eng. Aus den Durchsagen verstand ich nur einzelne Wörter – „Gate schließt in … Minuten“ – aber nie, um welchen Flug es ging. Ich wusste nur: Vor meinem Flug ging keiner mehr. Also durch, rennen, schwitzen. Am Gate angekommen – es war noch offen, ein paar Leute standen noch an. Und bei den ausländischen Reisenden wurde zum Glück das Handgepäck nicht gewogen. Wieder Glück.


Sehr stressiger Tag – aber am Ende hat alles geklappt. Nur mein Multitool war noch im Handgepäck und wurde einkassiert. Ein paar Liter Schweiß, viele Nerven – aber ich saß im Flieger. Und damit konnte der Flug nach Kasachstan starten – und das Kapitel Westasien zu Ende gehen.