Erdumrundung

Es ist ein komisches Gefühl, das jetzt zu schreiben – aber ich bin einmal um die Welt gefahren.

Nicht im Flugzeug, nicht mit dem Schiff, sondern mit dem Rad.

Von der Distanz her habe ich gerade die Länge des Äquators erreicht – also genau die Strecke einer Erdumrundung.

Kein Zielstrich, keine Ziellinie, nur eine Zahl auf dem Tacho.

Und trotzdem: ein Moment, der etwas bedeutet.


Schon seit ein paar Tagen wusste ich, dass dieser Moment langsam näherkommt. Ein paar Gedanken hatte ich mir gemacht – vor allem darüber, wie sehr diese Radreisen mein Leben verändert haben.

Und irgendwie ist es verrückt, aber auch schön, dass beim Erreichen dieses Kilometer-Meilensteins keine Ziellinie wartet, kein großes Ende. Nur ein kurzer Blick aufs Navi, ein Lächeln, ein paar Gedanken – und dann geht’s einfach weiter.


Alles begann Anfang 2021, in einem Moment, der wohl mein Leben am meisten verändert hat. Papa empfahl mir damals den Dokumentarfilm Besser Welt als nie. Kurz darauf sah ich ihn mir an – und mit diesem Film änderte sich irgendwie alles.

Seitdem gab es wahrscheinlich nur eine Handvoll Tage, an denen ich nicht an meine nächste oder gerade laufende Radreise dachte.

Dennis, der Protagonist, zeigte mir eine Art des Reisens, über die ich vorher nie nachgedacht hatte. Und plötzlich war da dieser Traum – reisen mit dem Rad.


Manchmal denke ich an den Typen zurück, der damals den Film zum ersten Mal gesehen hat – in einer Zeit, in der er nicht wusste, wie es im Leben weitergeht und ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fiel.

Ich glaube, er hätte sich nie vorstellen können, was aus diesem einen Filmabend werden würde – wie viel Ruhe, Geduld und Vertrauen so eine Reise einem beibringt. Eine kleine Sache vielleicht – und doch hat sie so viel in meinem Leben verändert.


Im Sommer 2021 startete dann meine erste große Tour: 101 Tage, rund 8.000 Kilometer, einmal grob entlang der deutschen Grenze. Ich begann zu einer Zeit, in der ich mental nicht ganz wusste, wo ich im Leben stand. Gemeinsam mit Papa fuhr ich an einem Wochenende bis nach Koblenz – und aus diesem Wochenende wurde eine Reise, die immer länger wurde.

Unterwegs wuchs der Traum weiter, die Leidenschaft entfachte sich richtig. Als nach meiner Rückkehr jemand zu mir sagte: „Diese Zeit hast du nie wieder“, dachte ich nur: Doch. Ich will sie mir nehmen.


Danach folgten kleinere Touren während der Semesterferien: eine Ostertour in den Harz, die Skandinavien-Tour, mit Lukas nach Amsterdam, durch die Schweiz, von Frankfurt nach Augsburg, von Pula nach München – und schließlich die aktuelle Reise, die mich einmal quer durch die Welt geführt hat.


Acht Touren, 40.063 Kilometer – das ist einmal um die Erde.

Was für verrückte viereinhalb Jahre. 40.063 Kilometer in 28 Ländern, mit unzähligen schönen Momenten und nur wenigen nervigen Tagen.


Jetzt kann ich also sagen: Ich bin einmal um die Welt gereist – auch wenn ich selbst das Wort „Weltreise“ oder „um die Welt“ nie so benutze.

Ich sage lieber „durch die Welt“, weil ich mich ja mit dem Rad durch sie bewege, nicht um sie herumfahre.


Denn was ist überhaupt eine Weltreise?

Man reist in der Welt?

Reicht es, wenn man eine neue Stadt in Spanien besucht?

Oder muss man in jedem Land der Erde gewesen sein?

Und wenn man einmal kurz überall war – hat man die Welt dann wirklich gesehen?


Ich habe bisher vielleicht 15 % aller Länder bereist, und selbst in diesen kenne ich oft nur einen Teil.

Ist meine Reise eine Weltreise? Keine Ahnung.


Aber von der Distanz her bin ich jetzt einmal rum.

Wenn ich die 40.000 Kilometer mit dieser einen Reise irgendwann vielleicht schaffe – ist dann diese Reise eine Weltreise?

Am Ende ist das wohl egal. Mir reicht der Gedanke, dass ich jetzt die Länge einer Erdumrundung gefahren bin. Und eigentlich ist dieser Gedanke nur ein winziger Teil von all den anderen Momenten und Gedanken, die die Reise geprägt haben.


Und wo habe ich diesen Meilenstein erreicht?

Hier, auf der koreanischen Insel Jeju.

Und während ich das schreibe, denke ich mir – na gut. Dann eben auf zur zweiten Erdumrundung.


Und was die Zukunft angeht – eigentlich ändert dieser Meilenstein gar nichts.

Die Kilometer sind am Ende egal, genauso wie die Zeit.

Es bleibt das Gefühl, die Momente unterwegs, das, was hängen bleibt.

Die erste Erdumrundung klingt groß, aber sie verändert nichts an dem, was direkt vor mir liegt. Ich fahre einfach weiter.


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