1 Fucking Jahr

Irgendwie ein verrückter Moment. Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere, und dennoch fühlt er sich besonders an – fast noch besonderer als mein Geburtstag. Vielleicht ist es auch ein Geburtstag, nur eben nicht meiner, sondern der meiner Reise.


Heute, genau vor einem Jahr, machte ich die ersten Kilometer, trat zum ersten Mal in die Pedale auf dieser Tour, stellte das Zelt auf und kochte abends eine Kleinigkeit. Damals war ich gerade einmal 80 km von „Zuhause“ entfernt – wobei mein Zelt damals vielleicht schon mein Zuhause war. Und jetzt steht mein Zelt 6.350 km entfernt von Zuhause.


Ich erinnere mich noch genau an die Gefühle und Gedanken vor und kurz nach dem Start: Eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Was wird passieren? Wird es mir gefallen? Kann ich das wirklich? Wie wird es sein, alleine zu reisen?


Die Reise ist noch nicht zu Ende, aber die Antworten auf diese Fragen kann ich jetzt schon kurz und knapp geben: Ich liebe es. So viel Tolles passiert, dass eigentlich alle Zweifel verschwinden. Vor der Reise hatte ich mir vorgenommen, meinen Traum in der Realität zu testen und zu leben. Natürlich sieht mein Alltag nicht exakt so aus, wie ich ihn mir vorher vorgestellt habe. Aber das ist wahrscheinlich auch besser so – weil auch das Unerwartete dazugehört. Selbst die Tage, an denen der Geist mal aufgibt, gehören zum Ganzen dazu. Irgendwie ist das doch perfekt.


Neulich dachte ich sogar: Selbst mit unbegrenztem Geld würde mein Leben wahrscheinlich genauso aussehen. Vielleicht nur mit etwas mehr Leichtigkeit beim Einkaufen und weniger Sorgen um die Finanzen.


Wie schnell die Zeit vergeht

Wie dieses Jahr so schnell vorbeiging, vor allem die letzten Monate, ist unglaublich. Manchmal fühlt sich alles an, als wäre es viel weniger als ein ganzes Jahr.


Aber wenn ich dann zurückblicke auf die vielen Geschichten, Begegnungen und Orte, die ich erlebt habe, wird mir klar: All das in 365 Tage zu packen, ist eigentlich unmöglich.


Mein Zeitgefühl verstehe ich oft selbst nicht mehr. Manchmal setze ich mich morgens aufs Rad, und gefühlt ist die Zeit so schnell vergangen, dass ich schon wieder einen Schlafplatz suche. Gerade wenn so viel passiert – durch Begegnungen mit Einheimischen oder durch abwechslungsreiche und traumhafte Landschaften.


Manchmal ist es genau andersherum: Mein Kopf verarbeitet noch die letzten Wochen und Monate und braucht Zeit, alles zu sortieren. Dann fahre ich oft einfach nur – ohne Ablenkung – und lasse die Gedanken ziehen.


Beim Zurückschauen fühlt sich vieles ganz anders an. Vor einem Monat war ich noch in Kirgistan, vor zwei im Pamir-Gebirge, vor drei in Usbekistan und Anfang des Jahres noch in der Türkei. Das alles fühlt sich schon so lang her an, obwohl in dieser Zeit so viel passiert ist.


Neue Wahrnehmung von Zeit und Distanz

Eine der größten Veränderungen auf dieser Reise ist wohl meine Wahrnehmung von Zeit und Distanz. Zum Beispiel: Bis zur Hauptstadt der Mongolei, Ulaanbaatar, sind es noch etwa 1.500 km – ungefähr drei Wochen Fahrt. Und irgendwie fühlt sich das nah an, als wäre ich gleich da. Früher waren solche Distanzen unvorstellbar weit. Damals waren 350 km zu Oma und Opa schon eine große Entfernung. Jetzt fühlt sich ganz Europa für mich „um die Ecke“ an.


Entwicklung und Rückblick

Gerade an so einem Tag, an dem man den „Geburtstag“ der Reise feiert, schaut man natürlich zurück – und genau das habe ich in den letzten Tagen oft auf dem Rad getan. Es war ein schönes Gefühl, die vielen Erinnerungen und Momente Revue passieren zu lassen.


Um aber alle schönen Orte, besonderen Begegnungen und Erlebnisse hier aufzuzählen, wäre der Text viel zu lang – und ehrlich gesagt möchte ich heute auch noch schlafen gehen :)


In den letzten Tagen richtete sich mein Blick auch immer wieder zurück nach Europa, eine Zeit, über die ich schon lange nicht mehr so bewusst nachgedacht hatte. Dort gab es ebenfalls viele besondere Momente, die durch die vielen Eindrücke in Asien fast in Vergessenheit geraten sind.


Beispielsweise die Begegnungen in Albanien und Montenegro, bei denen ich festgestellt habe, dass man manchmal keine gemeinsame Sprache braucht, um sich zu verstehen und sogar richtig zu kommunizieren.


Oder die Erkenntnis in Deutschland und Kroatien, dass die Reise nicht nur aus unbekannten Orten besteht, sondern auch die bekannten dazugehören.


Auch wenn Tempo und Kilometer oft toll anzusehen sind, spielen sie für mich mittlerweile nur eine untergeordnete Rolle. Jeder Umweg, jede kleine Strecke ist eine wertvolle Erfahrung.


Selbst die Winterzeit mit Schnee und Minusgraden in Bulgarien, der Türkei und Georgien gehört für mich dazu. Im Nachhinein wirkt das alles verrückt, aber genau diese Erfahrungen zeigen, dass wirklich alles möglich ist.


Und auch wenn es sicher Momente der Qual gab, waren es für mich dennoch wertvolle und besondere Zeiten.


Alltag auf Reisen

Nach einem Jahr auf der Straße spreche ich manchmal sogar davon, dass Radfahren fast mein Alltag geworden ist. Auch wenn jeder Tag anders ist und oft spontan verläuft, hat sich über die Zeit eine gewisse Routine entwickelt, die sich aber immer wieder weiter verändert. Manche Monate starten mit Kaffee am Morgen, andere wiederum ohne. Mal suche ich spät abends einen Schlafplatz, mal früh und genieße dabei die Ruhe. Mal koche ich viel selbst, mal gehe ich fast ausschließlich essen.


Diese Routine und der Alltag auf Reisen verändern sich ständig, oft abhängig von den Gegebenheiten im jeweiligen Land: heiße Temperaturen zur Mittagszeit, die Herausforderung, einen guten Schlafplatz zu finden, gute Supermärkte oder Restaurants in der Nähe – all das beeinflusst meinen Tagesablauf.


Zukunftsausblick

Neben dem Rückblick schaue ich natürlich auch in die Zukunft. Als ich mit der Reise begann, habe ich auf die Frage „Wie lange bist du unterwegs?“ geantwortet: „Vielleicht ein Jahr, mehr nicht.“ Doch wie so oft im Leben lag ich damit falsch. Einen Rückflug habe ich noch nicht gebucht, und manchmal schweifen meine Gedanken darüber, wo und wann ein schönes Ende sein könnte. Doch meistens widersprechen sich diese Gedanken und streiten miteinander.


Am Ende spielt das eigentlich keine große Rolle. Wichtig ist, dass ich ein Gefühl für ein Ende habe – oder natürlich, dass das Geld ausgeht. Für die nächsten Monate steht eine grobe Route fest, auch wenn sie sich jederzeit ändern kann und wahrscheinlich auch wird. Und dann werde ich auf dem Weg schauen, wie es weitergeht. Meistens entscheidet mein Bauchgefühl über die Route, meine Gedanken haben da nur wenig Mitspracherecht.


Neulich habe ich über den Spruch „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“ nachgedacht. Doch wie soll man wissen, wie es nach dem schönsten Moment weitergeht? Vielleicht wird es anders schön oder sogar noch schöner. Vielleicht reicht es manchmal auch, wenn es einfach nur etwas weniger schön ist. Schön ist schließlich schön – egal wie intensiv.


Dankbarkeit und Abschluss

An so einem Jubiläum darf natürlich auch die Dankbarkeit nicht fehlen. Ich bin dankbar für dieses Leben, für die Möglichkeit, so etwas erleben zu dürfen und die Welt zu sehen. Dankbar für all die Liebe, die ich auf und neben der Straße erfahren habe, für die vielfältigen Landschaften und Orte, die ich besuchen durfte.


Gleichzeitig bin ich auch dankbar für das sichere und schöne Leben, das ich vor der Reise in Deutschland hatte. Diese Reise hat mir einen ganz neuen Blick auf die Welt und auf das Leben geschenkt. Es macht mich wirklich dankbar, in Deutschland aufgewachsen zu sein. So sehr ich viele Länder auf dieser Reise liebe, mit vielen Kindern und Jugendlichen möchte ich nicht tauschen – dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.


Zum Schluss: Manchmal fällt es mir schwer, mir selbst zuzugestehen, wie stolz ich auf das bin, was ich im letzten Jahr geschafft habe – und dabei meine ich nicht nur die Kilometer. Beim Schreiben werde ich dann doch etwas sentimental, aber das ist wohl auch okay.


Ich freue mich auf alles, was noch kommt. Auf die nächsten Tage, Wochen, Monate – und auf all die Geschichten, die noch vor mir liegen.

20 Länder und 22.817 km 

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Kommentare: 5
  • #1

    Sandra (Sonntag, 10 August 2025 10:33)

    Ganz toller Beitrag �

  • #2

    Jana & Tarek (Sonntag, 10 August 2025 10:41)

    Wow , sehr schöne Worte! Einerseits ist „schon“ ein Jahr vergangen , anderseits fühlt es sich wie eine Ewigkeit an. Ich freue mich immer von deinen Erfahrungen zu lesen.

    Viel Spaß weiterhin auf deiner Reise!
    Dein Bauchgefühl wird dich weiterhin leiten.

    Wir freuen uns darauf , dich irgendwann wieder zu sehen und dann all deine Berichte persönlich zu hören!

    Liebe Grüße �

  • #3

    Silke (Sonntag, 10 August 2025 11:48)

  • #4

    Kerstin (Sonntag, 10 August 2025 11:57)

    Tolle Worte - Beeindruckend!
    Du kannst stolz auf dich sein.

    Danke, dass du deine Erlebnisse und Gedanken mit uns teilst. �

  • #5

    Rosi (Sonntag, 10 August 2025 14:33)

    Lieber Tom, es ist so ein interessanter Bericht! Du solltest ein Buch schreiben über die vielen Abenteuer, die du bis jetzt erlebt hast!! Viel Glück und Spaß weiterhin!!