Von Urumqi bis in die Mongolei
Einen Tag nach meinem letzten Blogeintrag hatte ich Geburtstag. Gleichzeitig verließ ich Urumqi in Richtung mongolische Grenze. Ein großer Unterschied war es nicht zu anderen Tagen – ein entspannter Tag, am Abend ein Hotel. Die letzte etwas stressige Wildcamp-Nacht hatte mich abgeschreckt, und gerade am Geburtstag wollte ich keine Experimente.
Keine Besonderheiten, aber trotzdem ein schöner Geburtstag.
Schon am nächsten Tag änderte sich einiges. Die Zivilisation wurde weniger, die Wüste begann. Meine Route war anfangs nicht optimal, also fuhr ich ein Stück zurück zur Hauptstraße. Und dort passierte etwas Besonderes: In derselben Richtung tauchte ein Radreisender auf – Alex. Der erste Ausländer, den ich in China wirklich auf der Straße traf (außer ein paar Russen). Er war ebenfalls auf dem Weg zur mongolischen Grenze. Ab diesem Moment änderte sich einer der großen Punkte meiner Reise: das Alleinreisen. Seitdem sind wir zu zweit unterwegs. Ab jetzt heißt es öfter in diesem Blog „wir“ als „ich“.
Erste Tage in der Wüste
Am ersten Abend planten wir unsere Route. Es gab drei Optionen, aber die Infos waren dünn. In einer China-WhatsApp-Gruppe für Radfahrer war die Stimmung eher skeptisch – viele empfahlen, die Strecke mit Bus oder Hitchhike zu überbrücken, da es zu wenige Shops gebe. Unsere Recherche zeigte aber: maximal 100 km zwischen den Läden. Also kein Problem.
So begann unsere Wüstenetappe – zu zweit. Und sie war wirklich schön. Die Landschaft abwechslungsreicher, als man bei „Wüste“ denkt. Zuerst Sandwüste, noch mit einigen Tankstellen. Dort gab es aber eigene Regeln: Tankstellen sind in Xinjiang komplett eingezäunt, mit Wärter und Einlasskontrolle. Zutritt nur mit ID-Karte – die wir natürlich nicht hatten. Nach Diskussion und Telefonat durften wir dann doch in den Shop. Selbst Motorradfahrer dürfen nicht hinein, sie müssen sich das Benzin in Gießkannen abfüllen und draußen tanken. Eine kleine eigene Welt.
Später tauchte plötzlich eine große Stadt im Nirgendwo auf. Der Grund: riesige Industriegebiete entlang der Straße. Abwechslung – auch wenn wir auf das begleitende Regenwetter gerne verzichtet hätten. Die Wüste verwandelte sich: von Sand zu Stein, dann wieder Berge. Kaum eine Strecke sah aus wie die vorige. Und: Wüste heißt keineswegs flach – Höhenmeter, beeindruckende Panoramen.
Mit dem gemeinsamen Fahren passte es auf Anhieb: ähnliche Geschwindigkeit, ähnliche Distanzen. Duschen gab es in einer Woche immerhin 2,5 Mal – zwei Mal in öffentlichen Toiletten, ein halbes Mal unter der Sprinkleranlage einer Neubausiedlung. Am Ende von China brachte uns ein Fluss zurück ins Leben: grünere Landschaft, mehr Menschen, mehr Abwechslung. Eine Strecke, die ich nicht missen möchte – zum Glück den eigenen Weg gefahren und nicht auf andere Reiseberichte gehört.
Begegnungen
Die Herzlichkeit der Chinesen war auch in der Wüste immer spürbar. Ob Getränke, Snacks oder einfach nur Fotos – es war allgegenwärtig. Ein Beispiel: Wir wollten an einer Tankstelle nur Wasser kaufen, am Ende bekamen wir zusätzlich Snacks und Bohnen geschenkt. Oder Urlauber aus Peking, die uns zum Peking-Enten-Essen einluden – ein Grund mehr, irgendwann nach Peking zu fahren, um diese Einladung anzunehmen.
Die Polizei war diesmal weniger präsent. Nur eine Kontrolle dauerte etwas länger – nicht wegen Schwierigkeiten, sondern weil alle mit uns Fotos machen wollten.
Rückblick auf Xinjiang
Vor der Einreise hatte ich wenig Erwartungen. Ich stellte mir Westchina trocken und lebensfeindlich vor, eher als Transitregion auf dem Weg zur Mongolei. Doch schon am ersten Tag merkte ich, dass es anders werden würde: Menschen, Geschenke, Komplimente, Städte, Dörfer, Infrastruktur – und eine Natur, die viel beeindruckender war, als ich dachte.
Gerade die ersten zwei Wochen bis Urumqi waren überwältigend. Ich habe selten so viel Aufmerksamkeit erlebt. So viele Selfies wie dort habe ich noch nie gemacht, dazu Sprüche wie: „Du bist der erste Ausländer, den ich je gesehen habe.“ Man spürt, wie wenig Ausländer in dieser Region unterwegs sind und dass China erst in den letzten Jahren das Reisen erleichtert hat.
Nach Urumqi änderte sich die Landschaft: weniger grün, mehr Steppe und Wüste. Dazu riesige Industrieanlagen mitten im Nirgendwo. Beeindruckend, wenn auch nicht „schön“ im klassischen Sinne.
Ein paar Haken blieben: viele Polizeikontrollen, schwierige Schlafplatzsuche, die Grauzone beim Wildcampen. Aber insgesamt war Xinjiang für mich eine der positivsten Überraschungen der gesamten Reise. Ohne die Einschränkungen wäre China wahrscheinlich eines meiner Lieblingsländer geworden.
Besonders bleiben die kleinen Geschenke am Straßenrand. An manchen Tagen konnte ich nichts mehr annehmen, weil ich schon zu viel dabei hatte. Die Offenheit der Menschen hat mich wirklich begeistert.
Erste Eindrücke aus der Mongolei
Nach drei intensiven Wochen in China überquerte ich schließlich die Grenze – und erreichte die Mongolei.
Am Anfang änderte sich die Landschaft nicht so sehr, aber irgendwie dann doch: weniger Zäune, weniger Menschen. Am ersten Tag konnten wir an einem Dorf und am Fluss zelten – endlich mal wieder ein entspannter Schlafplatz, wo es nicht wichtig war, unbemerkt zu bleiben. Und auch mal wieder ein Fluss zum Baden.
In Bulgan, der ersten „Stadt“, besorgten wir alles Nötige. Eigentlich nur die SIM-Karte, da ich Geld schon vor ein paar Monaten mit einem japanischen Motorradfahrer gewechselt hatte. In den nächsten Tagen zeigte sich dann, was Mongolei bedeutet: Weite, Leere, kaum Menschen. Dörfer liegen oft mehr als 100 km auseinander, und selbst wenn man eins erreicht, ist es winzig. Dass die Mongolei nach Grönland das am dünnsten besiedelte Land der Welt ist, kann ich auf jeden Fall bestätigen. 3 Mio. Einwohner auf diesem riesigen Land, und die Hälfte davon lebt in Ulaanbaatar. Die zweitgrößte Stadt hat nur 80.000 Einwohner – kleiner als Marl.
Auch hier: Wüste heißt nicht flach. Mit genug Wasser im Gepäck ging es auf 2.800 Meter hoch. Weil die Straße einem Fluss folgte, gab es zwischendurch sogar etwas Grün. Verrückt. Die Abfahrt dann wieder karg und trocken. An einem Tag merkte ich, dass das Reisen zu zweit auch kleine Probleme bringt. An einem Anstieg waren unsere Geschwindigkeiten sehr unterschiedlich, und ich wartete am Markt 40 Minuten. War aber nur ein Tag, an dem unsere Fitness nicht gleich war – ansonsten passt es super.
In Khovd, einer etwas größeren Stadt (30.000 Einwohner und Platz 8 in der Mongolei), gab es wieder einen Supermarkt. Auffällig: Die Regale sind voll mit internationalen Produkten, auch viele deutsche. Wir glauben, das liegt daran, dass kurz vor Ablauf billig aufgekauft wird. So ist fast alles in den Supermärkten abgelaufen.
In Khovd gönnten wir uns zwei Pausentage. Im Garten einer Unterkunft durften wir zelten und Toilette und Dusche mitbenutzen. Dort feierten wir auch einen besonderen Tag: ein Jahr auf Reise. Dazu gabs ja im letzten Beitrag meine Gedanken.
Sand, Platten und ein See
Nach der Pause begann eine verrückte Strecke: erst 50 km normale Straße, dann 130 km Sandpiste. Manchmal fahrbar, meistens einfach nur anstrengend. Drei Tage brauchten wir, zum Glück lag mit Klein-Ölgi ein Dorf auf dem Weg. Witzig: Es gibt in der Mongolei viele gleichnamige Dörfer, und dieses war wirklich klein. Natürlich hatte ich hier auch wieder einen Platten. Die letzten 5 km mussten wir sogar schieben, weil der Sand zu fein wurde. Aber dann wieder Asphalt – ein Traum nach Tagen Quälerei.
Doch auch danach kam nicht sofort Zivilisation – nur ein Dorf mit kleinem Markt. In der Mongolei sollte man einfach nicht zu viel erwarten.
Dann ging es Richtung See. In der letzten Nacht davor wurde ich krank: Magenkrämpfe und Übelkeit. Die 22 km bis zum See waren ein richtiger Kampf. Aber dort gab es zum Glück einen kleinen Markt mit Wasser, also entschied ich mich, einfach einen Tag Pause zu machen und fit zu werden. Und wo geht das besser als am Strand? Wahrscheinlich war es einfach zu viel Sonne in den Tagen zuvor. Schatten ist in der Mongolei in den letzten Tagen ein Luxus, auch wenn es mit Maximaltemperaturen von 28 Grad ganz entspannt ist.
Am nächsten Tag war ich schon wieder bei 100 %. Es ging weiter am See entlang, dann hinaus in pflanzenfreie Wüste/Halbwüste. Das nächste Dorf: 210 km entfernt. Zum Glück fanden wir unterwegs noch einen kleinen Shop am Straßenrand. Für die Nacht fragten wir bei einem verlassenen Holzhaus nach – und bekamen zusätzlich eine Jurte angeboten, die gerade als Abstellraum diente. Damit war die Mongolei das dritte Land auf meiner Reise mit einer Nacht in einer Jurte. Auch wenn in der Nacht dort noch zwei Mäuse vorbeischauten – nach ein paar Minuten waren sie auch wieder weg.
Die ersten zwei Wochen in der Mongolei
Was soll man sagen – eine verrückte Welt hier irgendwie. Wir sahen mehr Jurten als Häuser, selbst in den Dörfern stehen mehr Jurten. Deutlich mehr Tiere als Menschen: Ziegen, Schafe, Kühe, Pferde, Kamele, Adler, Bussarde, Geier – und natürlich auch Mäuse.
Aber die lebensfeindliche Region zeigt sich nicht nur an der kargen Natur. Viele tote Tiere liegen am Rand oder mitten im Nirgendwo. Wenn sie ihre Herde verlieren, scheint es hier sehr schwer zu sein.
Und diese Weite, Weite und wieder Weite ist kaum zu beschreiben. In zwei Wochen Mongolei sahen wir eine kleine Stadt und fünf kleine Dörfer. Und wir fahren hier eigentlich die Hauptstraße des Landes. Wir werden vielleicht alle 15 Minuten mal überholt.
Was man auch oft über die Mongolei hört: Planen mit Wind kann man hier eigentlich vergessen. Und es stimmt. Viel Wind und immer aus anderer Richtung. Manchmal dreht er sich sogar innerhalb von Minuten. Aber insgesamt hatten wir Glück – nur einmal starker Regen mit viel Wind, das war unangenehm, aber besser als ein kompletter Regentag.
Über die Menschen hier habe ich noch gar nicht geschrieben. Auch hier sind alle super nett und herzlich. Geschenke gibt es weniger, aber nach China wäre das ohnehin kaum möglich gewesen. Selfies sind auch kein Thema mehr – was eigentlich entspannt ist. Schon in den ersten Tagen wurden wir in eine Jurte eingeladen: Milchtee und Ziege. Auf einem Markt gab’s ebenfalls Milchtee. Ein paar Getränke bekamen wir von Autofahrern. An einem Pausentag wurden wir von Leuten zum mongolischen Ziegeneintopf eingeladen, und gestern noch zu einer Jurten-Übernachtung. Gastfreundlichkeit ist auf jeden Fall auch hier – nur eben etwas weniger, was daran liegt, dass man viel weniger Menschen trifft als in China. Wahrscheinlich sehen wir hier in Wochen so viele Leute wie in China an einem Tag.
Wie geht’s weiter?
Mir geht’s zum Glück wieder gut – nur ein Krankentag bisher. Auch sonst ist alles top. An der zweitägigen Pause dachte ich kurz, vielleicht fahre ich jetzt wieder alleine. Aber gerade mit der Sandstrecke in Aussicht entschied ich mich dagegen – war auch die richtige Entscheidung. Und es läuft weiterhin wirklich gut. Manchmal denke ich am Ende des Tages, vielleicht würde ich noch 1–1,5 Stunden fahren, aber wir machen einfach weniger Pausen und von der Distanz sind wir eigentlich genau bei meiner normalen Strecke. Das muss ich mir nur manchmal bewusst machen.
Solange wir beide zufrieden sind, fahren wir weiter zusammen. Mal schauen, ob wir gemeinsam in Ulaanbaatar ankommen.
Das ist jetzt die Strecke für die nächsten knapp zwei Wochen: etwa 1.100 km bis zur Hauptstadt. So langsam beginnt die Steppe. Wir hoffen, dass es bald etwas grüner wird – die trostlose Natur wird langsam etwas eintönig. Aber bald fahren wir am Fluss entlang, und irgendwann sollen auch Bäume in der Mongolei auftauchen. Noch nicht vorstellbar – aber wir hoffen.


















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