Kirgistan Rückblick

Juni 2025

(Längerer Text - 20 min Lesezeit)

Nach der entspannten Ausreise auf tadschikischer Seite standen erst einmal elf Kilometer Niemandsland vor mir. Eine Grenzstelle, die erst seit ein paar Jahren wieder geöffnet ist. Zuvor gab es hier Konflikte zwischen Tadschikistan und Kirgistan. Heute dürfen Touristen passieren, Tadschiken selbst aber nicht. Manchmal fragt man sich einfach nur: warum eigentlich?

Auch ein Permit ist notwendig, das ich zum Glück schon ein paar Tage vorher per WhatsApp beantragt hatte.


Die lange Strecke zwischen den beiden Grenzposten war noch schlechter als vieles zuvor auf dem Pamir – inklusive eines letzten Passes auf über 4.200 Metern, der gleichzeitig die geografische Grenze markiert. Dort oben warteten schon einige Taxifahrer, denn Fahrer aus dem jeweils anderen Land dürfen nicht über die Linie.


Dann ging’s endlich bergab. Schotter, Matsch, alles dabei. Kaum ein paar Meter gefahren, kam mir ein chinesisches Auto entgegen, das sich im Anstieg festgefahren hatte. Zusammen mit einer russischen Gruppe war es aber schnell wieder draußen. Und dann: viele Höhenmeter bergab. Mit jedem Meter tauchte ein bisschen mehr Grün auf, bis ich schließlich die kirgisische Grenzstelle erreichte.


Ich war eigentlich früh losgefahren, weil ich gehört hatte, dass die Grenze nur morgens und abends geöffnet ist. Wegen der schlechten Strecke kam ich aber erst gegen 11 Uhr an – und die Gerüchte stimmten: Grenze zu.

„Kein Strom“, hieß es. Viele Reisende erzählen das von dieser Grenze, sehr wahrscheinlich steckt eher „keine Lust“ dahinter.


Das Permit wurde allerdings direkt kontrolliert. Ich war erleichtert, denn ich hatte nie eine Bestätigung erhalten und seit vier Tagen kein Internet. Früher wäre ich komplett nervös zur Grenze gefahren: keine Bestätigung, kein PDF, nur ein WhatsApp-Verlauf. Aber nervös war ich gar nicht.


Vor dieser Reise war ich wegen jeder Kleinigkeit nervös. Wirklich wegen jeder. Vor allem in meiner Jugend. Treffen, bei denen ich nicht genau wusste, wie sie ablaufen würden – Zittern im Auto. Einmal ging es zur Schwimmstunde, und ich saß zitternd im Wagen. Auch damals wusste ich nicht genau, warum ich nervös war. Es war einfach so.


Jetzt stehe ich hier, an einer abgelegenen Grenze auf über 4.000 Metern, unvorbereitet, ohne Internet, ohne Bestätigung – und bin entspannt. Da fragt man sich schon, wann und wie dieser Schalter umgelegt wurde. Und ob er nur fürs Reisen umgelegt ist – oder ob diese Ruhe auch nach der Reise bleibt.


Mit dieser Frage im Kopf hieß es warten. Aber nicht alleine. Ein russisches Wohnmobil und eine russische Gruppe im Taxi warteten ebenfalls. Um 17 Uhr – eigentlich 18 Uhr wegen der Zeitverschiebung – sollte es weitergehen.

Das Warten war überraschend angenehm. Wir saßen im Wohnmobil, tranken Tee und Kaffee. Einer der Männer konnte ein bisschen Englisch. Und auch wenn ich vieles nicht verstand, war es schön, einfach zuzuhören. Nudeln zum Mittagessen gab es auch – bestens versorgt.


Sieben Stunden warten klingt erstmal nach etwas Nervigem. Aber irgendwie war es richtig gut. Im Nachhinein war es sogar gut, nicht morgens über die Grenze zu kommen. Begegnungen hat man auf dieser Reise viele – mit Einheimischen oder anderen Reisenden. Meist aber nur kurz: ein Gespräch, zusammen essen, dann weiter.


Hier waren wir sieben Stunden zusammen. Keiner konnte weiter. Tempo raus. Auch wenn wir sprachlich nicht alles verstanden, verstanden wir uns trotzdem. Die Russen erzählten von Reisen nach Deutschland, vom Leben in Russland, ich von meiner Reise. Für ein paar Stunden entstand eine kleine Gemeinschaft.

Vielleicht bleiben genau deshalb solche Begegnungen stärker im Kopf als viele andere. Unterwegssein und viel sehen hat seine Vorteile, und ich liebe es. Aber vielleicht ist ein Nachteil auch, dass man sich zu selten Zeit lässt. Vielleicht müsste man sich öfter diese längeren gemeinsamen Momente gönnen.


Am Nachmittag kamen noch Motorradfahrer dazu: ein Russe, zwei Spanier und ein Deutscher. Gegen 18 Uhr ging die Grenze tatsächlich auf. Die Spanier hatten Probleme mit ihrem Permit und sollten eigentlich nicht durchgelassen werden. Nach langem Hin und Her – und mit Hilfe der russischen Gruppe – klappte es am Ende doch. Mit Russisch kommt man hier wirklich weit.


Weil es schon spät war, stellte ich mein Zelt einfach auf eine Wiese. Was für ein Schlafplatz. Schneebedeckte Berge rundherum, Pferde, Jurten – die ersten echten kirgisischen Eindrücke. Einer dieser Schlafplätze, die man auch Monate später noch vor Augen hat.


Am nächsten Morgen ging’s ins Dorf. Der ATM funktionierte nicht, aber ich konnte noch tadschikisches Geld im Kiosk loswerden und mir direkt eine SIM holen: fünf Euro für einen Monat unbegrenztes Internet. Gerade bei den ersten nicht-europäischen Ländern machte ich mir vor Grenzübergängen immer viele Gedanken wegen Geld und Internet – und jetzt ging alles ganz leicht.


Und die Vorfreude war riesig. Kirgistan war eines dieser Länder, die sich schon lange im Kopf aufgebaut hatten – durch Erzählungen, Bilder, Geschichten anderer Reisender. Auch wenn ich versuche, meine Erwartungen niedrig zu halten, um nicht enttäuscht zu werden, konnte ich es kaum erwarten, dieses Land endlich selbst zu entdecken. 


Danach folgten die ersten kirgisischen „kleinen“ Pässe – nur noch 3.500 Meter. Irre, wie schnell man sich an Höhen gewöhnt. Oben traf ich wieder einmal einen Radreisenden aus Córdoba in Argentinien – genau aus der Stadt, in der meine Schwester ein Jahr gelebt hatte. Und einen deutschen Motorradfahrer, Ende 70, kaum Englisch, aber trotzdem unterwegs. Schön zu sehen, dass solche Reisen wirklich in jedem Alter möglich sind. Also habe ich noch 45 Jahre Zeit, weitere Geschichten zu erleben.


Mit jedem Kilometer wurde es grüner. Erst nur ein paar Flecken, dann ganze Wiesen.

Ich merkte erst nach einigen Metern, wie sehr ich diese Farbe vermisst hatte.


Nach Wochen in Staub, Stein und Höhe kam das Grün fast überraschend zurück. Genauso wie die Menschen. Kinder am Straßenrand winkten, lachten, riefen irgendetwas hinterher.


Die Zeit auf über 3.800 Metern – ohne Pflanzen, ohne Dörfer, ohne Leben – saß tiefer, als ich gedacht hatte. Erst hier wurde mir bewusst, wie sehr mir all das gefehlt hatte. Direkt gab es die erste Einladung: ein Schluck Kumys.

Okay – aber ich bleibe bei Kuhmilch.


Kurz danach erreichte ich Osh – das offizielle Ende des Pamir Highways. Ich hatte es geschafft. Schneesturm, Lebensmittelvergiftung, kaputtes Tretlager – alles überstanden. Vieles, worüber ich noch ein paar Monate zuvor nachgedacht hatte. Was wären Wartetage? Warum macht man das eigentlich? Aber irgendwie kommen diese Situationen einfach, und dann bewältigt man sie – wie alles andere auch.


In Osh nahm ich mir einen Pausentag. Abends saßen wir alle im Hostel in der Küche und schrieben an unseren Blogs. Ganz normale Langzeitreisende.


Nach Osh ging’s weiter Richtung Bischkek. Der schnellste Weg wäre durch Usbekistan gegangen, aber ich wollte meine Drohne nicht wieder durch die Kontrollen schmuggeln. Und damals stellte sich heraus, dass meine Nerven keinen guten Schmuggler aus mir machen – auch wenn es beim letzten Mal geklappt hatte. Also nahm ich den längeren Weg. Anfangs enttäuschend von der Landschaft, später wunderschön.


Ich folgte einem Fluss bergauf. Leichte Steigung, tolle Ausblicke. Hier gab es auch mein erstes Zeitungsinterview: Die Marler Zeitung hatte von meiner Reise gehört. Ich habe immer noch Probleme zu begreifen, warum und wie Leute so begeistert von dem sind, was ich mache. Irgendwie verstehe ich es – und irgendwie auch nicht. Ich mache einfach das, was ich machen will, mehr nicht. Würden das mehr Menschen tun, wäre meine Reise wahrscheinlich gar nicht so besonders.


Die Gastfreundschaft in Kirgistan ist riesig. Wenn man direkt aus Europa kommt, wäre man vermutlich komplett überwältigt. Aber nach all den Monaten unterwegs ist es irgendwie schon Alltag geworden. Dass so etwas normal wird, ist auch komisch – aber eigentlich schön. Mehrmals wurde ich am Straßenrand zum Picknick eingeladen. Wassermelonensaison. Und alleine schafft man so ein Ding sowieso nicht – also perfekt.


Als die Flussstraße endete, erreichte ich einen großen See. Perfektes Wasser zum Abkühlen. Dort traf ich ein Vater-Sohn-Duo mit einem alten russischen Wohnmobil. Wir quatschten kurz, dann ging’s einmal um den See. Meine Kamera gab langsam den Geist auf, deshalb gibt es aus dieser Zeit nur wenige Bilder. Die Landschaft bleibt trotzdem unvergessen – und ohne Kamera nimmt man sie nochmal ganz anders wahr.


Auf der anderen Seeseite wartete der nächste Fluss, der nächste Anstieg. Ab etwa 2.000 Metern: Jurte an Jurte. Jede Familie hat ihre eigene Sommerjurte.


Das Leben dort oben ist hart und gleichzeitig wunderschön. Für mich gab es keine bessere Option, als mein Zelt direkt neben einer Jurte aufzubauen.


In Kirgistan gehört Wildcampen irgendwie dazu – fast wie ein Teil der Kultur. Gerade dort fällt einem der Unterschied zu Deutschland besonders auf.


Nur die Jurte, die Natur, fließendes Wasser aus dem Fluss, die Toilette irgendwo draußen – ein Loch im Boden.


In Deutschland würde man das „minimalistisch wohnen“ nennen.


Am nächsten Tag merkte ich, dass ich mich etwas verschätzt hatte. Auf der Karte waren zwar ein paar Hütten eingezeichnet, doch es gab nichts zu kaufen, und die Hochebene zog sich endlos. Also ging’s zum einzigen Restaurant: Manti. Viele sagen, das Essen in Zentralasien sei nicht gut, ich fand es wirklich lecker. Wenig Auswahl, aber die Klassiker sitzen: Manti (anders als in der Türkei), Plov, manchmal Yakfleisch – und mein Favorit: Lagman. Ein geniales Nudelgericht.


Ich schlief eine Nacht auf der Hochebene. Ohne Supermarkt, ohne Versorgung. Am Morgen rechnete ich damit, den Pass ohne Frühstück hochzufahren. Frustriert ärgerte ich mich ein wenig über meine schlechte Planung. Doch in Zentralasien regelt die Gastfreundschaft alles: Eine Familie rief mich zu sich. Frühstück, Picknick, alle im Kreis auf der Wiese. Perfektes Timing.


Der Anstieg war ordentlich – gut, dass ich gestärkt war. Oben überlegte ich kurz, den alten Pass zu fahren. Sehr schwer, hieß es. Ohne Essen und mit wenig Akku keine Option. Also nahm ich den Tunnel. Ein Bauarbeiter erklärte, Radfahren sei verboten, bot aber an, mich mitzunehmen. Ich handelte den Preis runter. Im Tunnel hielt er kurz an, schaufelte Staub in die Luft. „Lüftung kontrolliert“, meinte er.


Danach ging’s bergab. Eine Abfahrt, bei der ich am liebsten alle paar Meter angehalten hätte, um Fotos zu machen. Aber meine Kamera funktionierte nicht – also einfach die Fahrt genießen. Steile Hänge, spektakuläre Kulisse.


Am nächsten Tag kam ich in Bishkek an. Erstmal ins Hostel, nur für eine Nacht. Das Hostel hatte ein cooles Flair, einen riesigen Innenhof zum Chillen. Auch wenn hier oft Langzeitgäste und besondere Reisende sind, fallen Radreisende immer auf. Selbst wenn mein Fahrrad nur in der Ecke steht, erkennt man einen Radreisenden sofort.


Ich war nicht allein. Einige andere Radreisende waren ebenfalls in der Stadt. Kirgistan ist seit ein paar Jahren eine Bikepacking-Hochburg – und das aus gutem Grund: wunderschöne Berge, herausfordernde Anstiege.


Am nächsten Morgen ging es zum Flughafen – nicht zum Abflugbereich, sondern zum Ankunftsbereich. Mama, Papa und Lina kamen mich besuchen, und ich holte sie ab.


Die neun Tage starteten mit einem Tag in Bishkek. Wir schlenderten über den Osh-Markt, den größten Basar Zentralasiens. Dann ging es für mich noch zum Fahrradladen: Ersatzteile wurden von meiner Familie mitgebracht und innerhalb von 30 Minuten eingebaut.


Am Abend konnten wir schon das Auto abholen: ein Toyota mit Dachzelt und Campingsachen. Kleine Einweisung, und am nächsten Morgen ging’s direkt los. Kurz vorher fiel mir auf, dass ein Rotor meiner Drohne nicht funktionierte. Nach kurzer Reparatur klappte alles wieder – zum Glück, denn die Drohne wäre gerade in dieser Woche sehr nützlich gewesen.


Die Fahrt begann spektakulär. Nach zwei, drei Stunden erreichten wir eine Schlucht. Wir fuhren hinauf, den Geländewagen brauchten wir definitiv – die Schotterpiste wäre sonst kaum machbar gewesen. Die Schlucht selbst war ein Farbenspiel: rote Steine, bunte Felsen. Oben: grüne Wiesen. Fast ganz alleine – nur 500 Meter entfernt ein anderes Auto.


Die Aussicht war atemberaubend: Berge mit grünen Wiesen, rote Hänge, weiter hinten schneebedeckte Spitzen. 360 Grad Natur pur. Wir übernachteten dort oben: Mama und Papa im Dachzelt, Lina im Auto, ich im Zelt. Zusammen am Campingtisch sitzen, kochen, Sonnenuntergang, Sternenhimmel – und sogar Fußball. Ach ja, Mamas Geburtstag durfte ich auf Weltreise feiern.


Am nächsten Tag hieß es viel fahren. Regen setzte ein, wir entschieden uns für ein Hotel – passend zu unserer Reiseart.


Dann ging es weiter Richtung Süden. Nach ein paar Minuten verließen wir die asphaltierte Strecke, es ging auf Schotterpisten – manchmal gut, manchmal holprig. Traumhaft schöne, weite grüne Flächen. Pferdeherden überall, Jurten immer wieder am Wegesrand.


Wir folgten einem kleinen Fluss. Nach Stunden kamen wir an einem Fluss nahe eines Sees an. Übernachtung in einer Jurte, diesmal touristisch eingerichtet, mit Betten – trotzdem ein besonderes Erlebnis. Auf über 4.000 Metern wird es selbst im Sommer nachts frisch. Holz war nachts leer – aber wir überlebten, dicke Bettdecken sei Dank.


Am nächsten Tag ging es zum See. Ab hier nur noch mit Pferd – kein Auto, kein Fahrrad, nur Reiten. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten klappte es gut. Flussquerungen, steile Wege, alles vor dieser Kulisse. Mein Pferd ging sein eigenes Tempo – ich ließ ihn, ganz entspannt.


Ein kleiner Koordinationsfehler führte zu einer Bootstour auf dem See. Teuer, aber traumhaft. Über 4.000 Meter, mitten im Nirgendwo. Auf dem Rückweg galoppierten wir zurück – anstrengend, aber aufregend.


Zurück im Jurten-Camp ging es wieder ins Auto. Am Tag zuvor hatten wir einen traumhaften Schlafplatz am Fluss entdeckt. Am nächsten Tag fuhren wir die ganze Schotterstraße zurück – eine 200-km-Einbahnstraße.


Dann zum nächsten See, diesmal noch nicht angekommen. Camp am Fluss, ein bisschen Baden, frisch machen – gemeinsam duschen macht gleich mehr Spaß.


Am nächsten Tag: wieder ein See. Schlechte Wetterbedingungen, dennoch herrliche Strecke über Wiesen, nur manchmal ein Hauch von Straße. Vor uns fuhr ein Bus – erleichterte die Orientierung.


Zurück Richtung Bishkek. Noch zwei schöne Tage, tolle Schlafplätze. Einen Teil der Strecke war ich schon Tage zuvor mit dem Rad gefahren.


Die neun Tage vergingen schnell. Letzter Tag: deutsches Restaurant, dann Abschied um vier Uhr morgens. Taxi zum Flughafen, das fünfte Mal Abschied auf dieser Reise. Diesmal ungewiss, wann wir uns wiedersehen würden.


Danach wieder aufs Rad. Nach Istanbul war Bishkek das zweite große Ziel, lange nicht nur ein Punkt auf der Route, sondern ein echtes Ziel im Kopf. Und jetzt war es vorbei.


Die Zeit zu viert war großartig. Wie früher im Urlaub – gemeinsam die Welt erkunden. Abende zusammensitzen, reden, frühstücken, Mittagessen, Abendessen. Kleine Momente, aber als Alleinreisender nicht normal.


Natürlich gab es kleine Probleme, Missverständnisse – aber nur Kleinigkeiten. Top Zeit. Danke, Mama, Papa und Lina. Hab euch lieb.


Dann ging es wieder alleine weiter, die Welt erkunden. Erster und zweiter Tag waren im Kopf voll: Abschied, neue Etappen, das Ende von Bishkek. 


Ein paar Pläne hatte ich für die nächste Zeit, aber nichts wirklich Konkretes. Tokio war das nächste große Ziel, doch wie ich mich kenne, kann sich das Ziel jeden Tag wieder ändern. Auf der Karte liegt noch sehr viel zwischen Kirgistan und Tokio.


Am zweiten Tag änderten sich meine Gedanken langsam. Weniger Abschied, weniger Zukunft, mehr Vergangenheit. Auch wenn die Gedanken an die letzte Woche natürlich nicht sofort verschwanden. Vielmehr ging es um die ganzen Kilometer davor, über 20.000 km bis hierher. Bei solchen Zahlen kommen automatisch Reflexionen: was ich auf dieser Reise schon alles erlebt habe. Große Meilensteine, meist weniger zum Feiern, eher zum Nachdenken.


In 11 Monaten so viel erlebt, auf über 20.000 km. Was für eine verrückte Reise bisher.


An diesem Tag erreichte ich einen traumhaften Schlafplatz. In derselben Schlucht, in die ich mit meiner Familie am ersten Tag hochgefahren war – nur diesmal mit dem Rad und nur ein paar Kilometer. Auf den Fotos wohl einer der schönsten Schlafplätze, die ich je hatte. Vor Ort wirkte es gar nicht so extrem, doch auf den Bildern ist es einfach traumhaft. Und natürlich kamen die Abschiedsgedanken noch einmal hoch – an einem Ort, an dem ich vor ein paar Tagen mit meiner Familie war.


Doch dann ging es den riesigen Issyk-Kul-See entlang, und die Abschiedsgedanken verschwanden langsam. Ich entschied mich für die Südküste. Eine schöne Strecke, auch wenn viel neu gemacht wird und es dadurch viele Baustellen gibt. Trotzdem tolle Schlafplätze direkt am See – fast wie am Meer. Bei der Größe des Sees sieht man bei manchen Wetterlagen nicht mal die andere Seite.


Was man hier aber wirklich häufig sieht: deutsche und Schweizer Kennzeichen auf Campern. Unglaublich viele Camper, die den weiten Weg von Deutschland bis nach Kirgistan gefahren sind. Nach den kirgisischen Kennzeichen war das deutsche am häufigsten, kurz danach das russische. Ein ganz anderer Reisestil – und doch irgendwie ähnlich.


Die Küstenstrecke war wunderschön: teilweise Asphalt, teilweise kleine Schotterstrecken, dazu immer wieder kleine Schluchten. Am letzten Tag am Issyk-Kul-See hatte ich meinen Schlafplatz direkt am Wasser. Ein wohl bekannter Camp-Spot. Dort standen auch zwei Deutsche und ein Schweizer, die mir einen guten Tipp für eine Unterkunft gaben: ein Gasthaus, das auch Zelten im Garten erlaubt.


Der Besitzer kam aus den Niederlanden und sprach fließend Deutsch. Dort traf ich auch andere Reisende: viele Camper, einen deutschen Radreisenden und zwei japanische Radreisende. Kirgistan ist einfach perfekt für aktives Reisen.


Ich machte dort zwei Tage Pause und nutzte die Zeit, um an diesem Blog zu schreiben. Nach den Arbeitstagen ging es weiter Richtung Grenze. Eigentlich hatte ich noch einen kleinen Umweg in die Berge geplant, so für eine halbe Woche.


Am Nachmittag musste ich mir jedoch eingestehen, dass das keine gute Idee gewesen wäre. In Richtung Berge schaute ich auf Gewitterwolken. Die Wettervorhersage sah ebenfalls nicht gut aus: viel Regen. Ein Anstieg auf über 4.000 Meter im Gewitter – wohl nicht die beste Idee. Also doch der direkte Weg zur Grenze. Diese Entscheidung fiel mir wirklich schwer, ich wollte unbedingt noch mehr sehen, aber irgendwann siegte die Vernunft.


Auf dem Weg kamen noch ein paar Jurten-Camps. Und dann die Kinder. Hier, und auch schon in Tadschikistan, fragen viele Kinder nach Schokolade. Diesmal hatte ich sogar etwas dabei, was bei den warmen Temperaturen selten ist. Also wurde geteilt.


Dann kam die letzte Nacht in Kirgistan. Ein bisschen traurig war ich schon. Gerne wäre ich noch länger geblieben, hätte noch mehr Berge gesehen, ein paar Offroad-Strecken gefahren, weitere Höhenmeter gesammelt. Aber manche Dinge muss man sich für andere Reisen aufheben.


Kirgistan steht auf jeden Fall ganz oben auf der Liste der Länder, in die ich zurück will. So viele tolle Strecken, so viele wunderschöne Orte, die ich noch nicht erkunden konnte. Kirgistan, wir sehen uns wieder.


Dann waren es nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze. Eine kleine, winzige Grenze. Ohne Probleme, ohne Fragen, ohne Gepäckkontrolle. Alles entspannt. Und so ging es wieder zurück nach Kasachstan.


Ich habe Kirgistan geliebt. Vor allem die Natur – sie steht für mich ganz oben. Kein anderes Land kommt bisher da ran, gerade weil sie so anders ist als alles, was ich vorher gesehen habe. Und die Menschen: superfreundlich, wie so oft in Zentralasien.


Eine tolle Zeit. Mehr als einen Monat war ich in diesem traumhaft schönen Land.

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Kommentare: 2
  • #1

    Lina (Sonntag, 14 Dezember 2025 09:20)

    Hey Tom,
    toller Blogeintrag! Schön, an deinen Erlebnissen und Gedanken teilhaben zu können. Die gemeinsame Zeit in Kirkistan war wirklich sehr schön.
    Und wirklich verrückt wie du die Nervosität ablegen konntest :)

    Hab dich lieb
    Lina

  • #2

    Sandra (Dienstag, 16 Dezember 2025 03:39)

    Super schöner Blog Eintrag , wenn ich das lese und die Bilder sehe, bekomme auch ich direkt wieder Lust auf dieses tolle wunderschöne Land. Es ist auch toll wie offen du uns auch an deinen Gedanken und Gefühlen teilhaben lässt. Danke dafür � hab dich auch lieb.
    Wir sehen uns bald �
    Mama