Der letzte Rückblick im Blog stammte noch aus Südkorea – das ist jetzt etwa zwei Monate her. Seitdem bin ich schon drei „Länder“ weiter. Es wird also kein detaillierter Rückblick, sonst wird es zu lang – und darauf habe ich ehrlich gesagt auch keine Lust. Detaillierte Abläufe und Orte kommen dann in den Länder-Rückblicken. Hier bleibt der Fokus auf Gedanken und Gefühlen – und die waren in den letzten Monaten anders. Manchmal sogar so, dass ich sie selbst kaum richtig greifen oder beschreiben konnte.
Die Zeit in Japan war wirklich toll. Dennoch bin ich nie ganz „angekommen“, obwohl ich am Ende fast vier Wochen dort war. Als ich weiterfuhr, blieb ein seltsames, schwer zu greifendes Gefühl zurück – nicht schlecht wegen der Orte oder Menschen, aber trotzdem irgendwie negativ, ohne dass ich genau sagen könnte, warum.
Japan wird von vielen Menschen geliebt. In Social Media, im Freundeskreis – für viele ist
es das Traumreiseziel. Alle schwärmen davon, egal worum es geht. Das ließ auch meine eigenen Erwartungen steigen – und genau das mag ich eigentlich nicht. Am liebsten gehe ich in ein Land ganz
ohne Erwartungen. Dann kann man nicht enttäuscht werden, oder wird zumindest ehrlicher überrascht. Aber das ist leichter gesagt als getan.
Bevor ich versuche, dieses Gefühl einzuordnen, lohnt es sich, auf die wirklich tollen Erlebnisse zu schauen. Nicht ausführlich, aber unerwähnt dürfen sie auf keinen Fall bleiben.
Gleich am ersten Tag: eine Radstrecke direkt an der Küste. Perfekt, wie man sich einen Küstenradweg vorstellt. Am Ende erreichten wir einen traumhaften Schlafplatz direkt am Strand. Hauke war natürlich auch dabei. Wir saßen angelehnt an ein kleines Haus, schauten dem Sonnenuntergang zu, zwischendurch kurz die Füße ins Wasser. Neben uns bauten vier oder fünf Fotografen ihre Stative auf – ein Sonnenuntergang, bei dem einfach alles passt. Einer der Fotografen schenkte uns sogar jeweils ein Fotobuch. Dass Japaner schüchtern seien und kaum Kontakt suchen – dieses Klischee stimmt definitiv nicht immer. Umso schöner, wenn es anders kommt.
Ein paar Tage später ging es nach Nagasaki, zu der Gedenkstätte und dem Museum der Atombombenopfer vom 8.9.1945. Kein klassisches Highlight, aber ein besonderer Tag. Das Museum war stark aufbereitet, ein Besuch, der lange nachwirkt.
Kurz danach das komplette Gegenteil von Zurückhaltung – Alkohol spielte eine Rolle. Auf einem kostenlosen Campingplatz luden wir unsere japanischen Nachbarn zum Essen ein. Unglaubliche Fleischqualität, ein toller Abend. Am nächsten Morgen gab es sogar noch Frühstück zusammen. Solche Campingplatz-Begegnungen sind einfach etwas Besonderes.
Dann kam DAS Highlight in Japan: die Berge – inklusive Wanderung. Schon die erste Wanderung war ein Traum. An der Aussichtsplattform klarte es kurz auf, und man sah zwei Kraterseen und dahinter einen weiteren Gipfel. Auf Fotos sah es schon gut aus, aber dort zu stehen war nochmal etwas ganz anderes.
Die Motivation für weitere Touren war sofort da. Am nächsten Tag war allerdings alles bewölkt, also Pausentag und ab in die Onsen. Diese japanischen Badehäuser – Duschen, mehrere heiße Becken, Sauna. Wenn es dort noch ein paar Liegen gäbe, könnte man den ganzen Tag bleiben.
Am Tag danach ging es dann wirklich auf den Berg. Direkt am Anfang des Wanderwegs ein aktiver Vulkan, aus dem Rauch aufstieg, der Schwefelgeruch war teilweise so stark, dass man ihn sogar in den Augen spürte. Oben angekommen merkte man sofort: Man ist da. Alle saßen, kochten, schauten einfach. Ein Ort, an dem man Stunden verbringen könnte. Der Abstieg führte noch an einem weiteren Kratersee vorbei. Wandern an und um zwei aktive Vulkane, ein dritter in der Ferne – ein traumhafter Weg.
Ein paar Tage später trennten sich unsere Wege. Meine Route führte über Shikoku, Haukes nicht. Ich freute mich aber auch, mal wieder alleine unterwegs zu sein. Shikoku war abwechslungsreich: Berge, Küste, immer wieder Tempel. Besonders der erste Abschnitt mit der Klippenlandschaft am Abend – überraschend schön. Mein Lieblingstempel auf Shikoku blieb ebenfalls unvergessen.
Ansonsten gab es eher kleine Begegnungen, wie einen Italiener, den ich nach einem Onsen-Besuch traf. Gemeinsam zelten, zusammen Wäsche waschen – nichts Großes, aber schön.
Shikoku war körperlich nicht ganz einfach. Rückenschmerzen, eine geschwollene Zungenspitze, Kieferschmerzen, Zahnschmerzen, Ohrenschmerzen. Zum Glück nie alles gleichzeitig, aber es war nicht optimal. Meine Luftmatratze hatte mal wieder ein Loch, das ich nicht fand. Also ab nach Osaka ins Hostel – mein Körper brauchte eine richtige Matratze. Zwei Nächte reichten, und die Verspannungen waren weg, ich war wieder fit.
Osaka war toll. Einfach durch die Stadt laufen, schauen, wo man landet. Das Schloss und die Orange Street bleiben besonders in Erinnerung. Auch mal unauffällig ein normaler Tourist zu sein – ohne Fahrrad – war angenehm. Ein Tag reichte, die Hostelpreise fürs Wochenende waren verrückt. Also weiter nach Kyoto. Dort zeltete ich etwas außerhalb und erkundete am nächsten Tag Tempel über Tempel. Traumhafte Stadt, so viel Geschichte. Perfekte Jahreszeit: grün, gelb, rot – alle Farben. Viele sagten mir später, es sei die beste Zeit für einen Besuch gewesen. Am Ende war Kyoto für einen Tag zu groß, ich wollte zu viel sehen, dadurch vielleicht ein bisschen gehetzt, aber Kyoto bleibt unvergesslich.
Am Abend dann das Wiedersehen mit Hauke. Adam, ein Radreisender aus den USA, kam auch dazu. Gemeinsam ging es zurück nach Osaka und weiter nach Kobe. Wieder zusammen unterwegs zu sein fühlte sich gut an. Vor Kobe nahmen wir die Fähre – und die vier Wochen Japan waren vorbei. Schön wars. Und trotzdem blieb dieses leicht betrübte Gefühl. Auch Hauke hatte Ähnliches empfunden: Irgendwie ist man nie ganz in Japan angekommen.
Woher kommt das also?
Zu hohe Erwartungen? Zu viel erlebt in den Monaten davor? Immer nur höher, weiter, besser? Kein richtiges nächstes Ziel? Zu wenig Kontakt mit Locals? Zu einfaches Leben? Zu perfekt? Keine Probleme bei Schlafplätzen, Convenience Stores an jeder Ecke? Oder doch die körperlichen Beschwerden?
Viele Fragen. Wahrscheinlich liegt es an keiner einzelnen Sache. Vielleicht an ein bisschen von allem – oder an etwas ganz anderem.
Ich glaube inzwischen: Das größte „Problem“ war die Zeit. Eigentlich dachte ich zuerst, sie wäre perfekt: Farben, Temperaturen um 20 Grad, viel Sonne. Aber diese extrem frühen Sonnenuntergänge… Um 16:45 Uhr dunkel, und man sitzt fünf Stunden im Zelt, bevor es Schlafenszeit ist. Unser Alltag war nie richtig daran angepasst – spät schlafen, spät losfahren, einfach zu viel Dunkelheit. Und eigentlich hat das mit Japan selbst gar nichts zu tun.
Dass dieser Rückblick jetzt doch so lang geworden ist, verschiebt den Bericht über den letzten Monat auf den nächsten Blogpost. Aber es freut mich, Japan nochmal so festzuhalten – jetzt bleibt es mir im Kopf auf jeden Fall besser, als es sich in den letzten Tagen angefühlt hat.























































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Sandra (Montag, 29 Dezember 2025 12:26)
Hallo Tom,
Wieder ein toller Eintrag. Interessant wie du selbst versuchst zu erkennen, warum du mit Japan nicht ganz warm geworden bist. Ich hätte es schlicht darauf zurück geführt, dass China dich einfach so geflasht hat. Aber das die Tage in Japan kurz und dafür die Nächte einfach zu lang waren, erklärt es natürlich zusätzlich. Ab jetzt werden die Tage aber ja wieder länger, nicht nur bei uns .
Gute Fahrt weiterhin und bis bald
Mama