Mein dritter Abschnitt des Landes, nach West- und Nordchina. Anders als zuvor, und trotzdem sofort wieder dieses vertraute China. Weniger spektakulär, weniger Highlights, dafür echte, kleine Momente. Tage, an denen einfach nur Radfahren genug war, Wochen, die ruhig erschienen und trotzdem besonders blieben.
Wenn ich heute daran zurückdenke, spüre ich vor allem eins: Wie gut sich diese Zeit angefühlt hat. Nicht die großen Highlights zählen, sondern die Freude an jedem einzelnen Tag. China war anders, und genau das machte es für mich unvergesslich.
Shanghai – eine Stadt mit vielen Kontrasten
Wir kamen direkt an einem Highlight an: Die Fähre landete in Shanghai. Nach ein paar Kilometern standen wir schon mitten in der Stadt, direkt an unserem Hotel.
Shanghai ist eine der Städte, an die ich sehr gerne zurückdenke. Mir gefiel sie unheimlich. Ich hatte mir Shanghai als hochmoderne Technologiestadt vorgestellt – und irgendwie war sie das auch. Aber eben nicht nur. Gerade die alten Gebäude machten die Stadt so vielseitig. An manchen Straßen wusste ich nicht, ob ich noch in China oder irgendwo in Europa war. Zwischen modernen Hochhäusern standen alte Tempel, dazwischen europäische Fassaden. Und fast immer Natur: Bäume, Alleen, Grün entlang der Straßen. Außerhalb chinesischer Großstädte erwartet man das kaum – hier war es einfach normal.
Bei manchen Straßen fühlte ich mich fast wie zuhause. Manchmal dachte ich, ich wäre irgendwo in Deutschland oder Großbritannien – und einen Schritt weiter war ich wieder mitten in der riesigen Metropole Shanghai. Besonders eindrücklich war die Flusspromenade: Auf der einen Seite die moderne Skyline, hell, hoch, überall Werbetafeln. Auf der anderen Seite „The Bund“, alte britische Hafenbauten. Einzeln fotografiert könnte man denken, diese Orte liegen Zehntausende Kilometer auseinander. In Wirklichkeit sind es nur ein paar hundert Meter. Genau diese Perspektivwechsel machten Shanghai so besonders.
Auch die kleinen Dinge überraschten mich. Ein deutscher Weihnachtsmarkt mitten in Shanghai, Glühwein für fünf Euro – unnötig teuer, aber das Schlendern durch die Stände hat sich trotzdem gelohnt. Shanghai allein könnte man wahrscheinlich Tage oder Wochen erkunden, aber nach anderthalb Tagen ging es für uns schon weiter. Raus aus der Stadt – und überraschend schnell standen wir nach einem halben Tag wieder zwischen Feldern und Landwirtschaft am Straßenrand.
In Chinas Natur – Hügellandschaften und ganz viel Bambus
Dann ging es Richtung Süden. Es wurde langsam hügeliger, die Tage ruhiger. Wir entschieden uns, komplett mit dem Kochen aufzuhören. China hat einfach zu gutes und günstiges Essen. Fast alles war neu, und fast alles war lecker. Im Vergleich zum Norden waren die Portionen kleiner, das Chaos beim Essen weniger extrem. Weniger Dreck um den Tisch, weniger Trubel – alles etwas geordneter.
Auch das Zelten ließen wir bleiben. Unterkünfte zwischen acht und sechzehn Euro waren gut, zu zweit zahlten wir oft nur vier bis acht Euro pro Person. Der frühe Sonnenuntergang war dadurch kein Problem mehr. Abends konnte man noch durch die Stadt laufen, etwas erleben. Ein kleiner Luxus – und ein Problem weniger im Vergleich zu Japan.
Auf dem Weg zum Nationalpark brach mir an einem Tag eine Speiche – auf einer asphaltierten Straße. Genau die Speiche, die ich Monate zuvor in Urumqi ersetzt hatte. Offenbar keine gute Qualität. In der nächsten Stadt fanden wir keinen passenden Ersatz, vermutlich wegen der 28-Zoll-Räder. Zwei Tage später hatte ich dann Glück.
Die Landschaft wurde hügeliger, sattgrün, wirklich schön. China im Osten hatte ich mir immer nur als Städtedurchfahrt vorgestellt. Aber so war es nicht. Zwischen den Städten lagen Dörfer, kleine Orte zum Mittagessen. Manchmal fuhren wir stundenlang an Bambuswäldern entlang. Alles bestand aus Bambus: Häuser, Zäune, Gerüste. Das Leben schien sich komplett darum zu drehen.
Im Nationalpark angekommen, waren überall Hotels. Wir checkten ein und bekamen eine ausführliche Einweisung vom Besitzer. Auf Chinesisch, viel über Übersetzungsapps, Zeichensprache, Gesten. Am Ende erklärte er uns die Wanderroute, Busverbindungen und Regeln. Wir brauchten gut zwanzig Minuten, um alles zu verstehen – aber es funktionierte. Man braucht nicht immer die gleiche Sprache.
Huangshan-Gebirge - Die gelben Berge
Die Wanderroute selbst war atemberaubend. Empfohlen wurde der Nationalpark uns von einem chinesischen Hostelgast in Peking , Um die Landschaft zu sehen, mussten wir tausend Höhenmeter über Treppen nach oben laufen – die Seilbahn ließen wir aus. Schon der Weg war beeindruckend, aber oben war es wirklich einzigartig. Unvergesslich. Fast nur chinesische Besucher. Vielleicht vier Ausländer unter Tausenden. Eine ganz andere Welt – und genau das machte es so intensiv. So einzigartig, dass man diesen Ort gar nicht beschreiben kann also lieber Bilder wirken lassen.
Der Abstieg über tausend Höhenmeter Treppen war brutal. Radfahren ist eine andere Belastung, aber die Beine spürten es trotzdem. Vier Tage lang konnte ich kaum richtig laufen. Selbst die Treppen im Hotel waren eine Qual.
Danach passierte eigentlich weniger. Viel Radfahren, keine großen Highlights, keine großen Ereignisse. Aber es machte Spaß. Schöne Natur, ruhige Tage. Und dann wieder Tage, die eigentlich scheiße waren: stundenlang an Hauptstraßen entlang, neben LKWs. Hauke war davon mehr genervt als ich. Für mich war es eher: keine schöne Strecke, aber halb so schlimm.
Freude mit den Menschen
An einem Abend spielte ich noch mit einem chinesischen Kind. Erst lief er uns die ganze Zeit hinterher. Als Hauke beim Friseur saß, hatte ich Zeit. Er holte einen Papierflieger, wir ließen ihn fliegen. Wenn die Spitze kaputt war, ging er nach Hause, kam mit einem neuen zurück. Beim zweiten Mal brachte er sogar eine Zange mit, damit ich die Spitze zwischendurch reparieren konnte. Ich weiß nicht, ob ich oder das Kind mehr Spaß hatte. Einfach auf dem Bürgersteig stehen und Papierflieger fliegen lassen. Die Blicke der anderen waren auch lustig als sie sahen: Ein Ausländer, der mit einem kleinen chinesischen Kind spielt.
In China sind wir Ausländer etwas Besonderes. Immer. Auch in großen Städten. Selbst in Peking oder Shanghai gibt es, gemessen an der Größe, erstaunlich wenige Ausländer. Außerhalb der Metropolen ist man wirklich eine Seltenheit. Das hört und sieht man: „Wow“, „Oh“, „Uh“. Kinder, Erwachsene, Blicke, Starren. Nicht selten kam über Übersetzer der Satz: „Du bist der erste Ausländer, den ich sehe.“ Von einem erwachsenen Mann. Eine andere Welt.
Der Anfang des Abschieds
Und dann ging es so langsam Richtung Guangzhou. Schon ein paar Tage davor veränderten sich Klima und Vegetation langsam – es wurde subtropisch. Eine richtig coole Stimmung. Das machte schon Vorfreude auf Südostasien, und dort geht es ja auch auf direktem Weg weiter.
Aber ab Guangzhou änderte sich dann einiges. Es war so weit: Nach mehr als drei Monaten hieß es Abschied nehmen – und nicht nur für eine Woche. Hauke flog von dort für zwei Monate nach Hause und fährt erst Mitte Februar ab Guangzhou weiter. Einen Tag schaute ich mir Guangzhou noch an. Eine nette Stadt, und auch hier wieder diese extremen Gegensätze: Jeder Stadtteil komplett anders. Unser Hotel lag in einem eher heruntergekommenen Viertel, aber in die eine Richtung war alles modern, in die andere wieder traditionell – alles auf wenigen Metern.
Am Abend hieß es dann noch einmal Lanzhou-Nudeln essen. Nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass das unser absolutes Lieblingsessen geworden war. Wenn man schon in China sagt, das sei das beste Essen, dann ist es wohl wirklich perfekt. Und man muss auch sagen: Selbst innerhalb Chinas sticht das muslimische Essen noch einmal heraus. In Lanzhou leben die Hui, eine ethnische Minderheit, in der Hauptstadt der Provinz Gansu. Die Gerichte haben durch die Geschichte der Seidenstraße auch zentralasiatische Einflüsse – gerade Ähnlichkeiten zu Lagman, aber dennoch anders. Ähnlich und doch eigen.
Die Restaurants erkennt man oft schon von außen: Wenn eine Frau in der Küche ein Kopftuch trägt, ist es fast sicher ein Lanzhou-Restaurant. Und diese lagen auf unserer Route regelmäßig am Weg. Dort aßen wir dann unser letztes gemeinsames Abendessen – eine Küche, die uns verbindet. Am nächsten Morgen machte ich mich dann auf den Weg, und Hauke blieb noch zwei Nächte im Hostel, bevor es für ihn nach Hause ging.
Hauke und ich waren ungefähr vier Monate gemeinsam unterwegs. Seit Ulaanbaatar fuhren wir zusammen und erkundeten vier Länder als Duo. Was für eine Zeit. Und ehrlich gesagt hatte ich am Anfang meine Zweifel, ob das so funktionieren würde. In den ersten Tagen dachte ich oft: Wir sind schon sehr unterschiedlich.
Aber es hat perfekt geklappt. Es hat harmoniert.
Es sind viele Insider entstanden, viel gelacht, viel gegessen. Auf dem Rad waren wir meist für uns, jeder in seinem eigenen Tempo. Aber alles dazwischen – Pausen, Essen, Abende und Morgen – haben wir zusammen verbracht.
Und da ich ja immer von China schwärme, bin ich mir ziemlich sicher, dass unser gemeinsames Reisen einen großen Anteil daran hat. Gerade diese China-Zeit war perfekt für uns beide. Für diese Art des Unterwegsseins, für dieses Miteinander ohne ständiges Aufeinanderhocken, aber auch ohne wirkliche Trennung.
Ab hier wird aus wir wieder ich.
Hongkong & Weihnachten
Ein komisches Gefühl, morgens nicht gemeinsam aufzubrechen. Beim Losfahren zögerte ich noch ein wenig – aber naja, weiter muss es ja gehen. Nach Hause wollte ich gerade nicht. Also ging es weiter, diesmal erst einmal Richtung Osten nach Shenzhen.
Und dann merkt man, wie verrückt China sein kann: Morgens in einer 19-Millionen-Stadt, abends in einer anderen mit 17 Millionen. Die Region rund um Guangzhou hat in ihrem Ballungsraum über 83 Millionen Einwohner – nur etwas weniger als Deutschland, auf einer Fläche ungefähr so groß wie Bayern.
Dann hieß es plötzlich: ab zur Grenze, mitten in China. Hongkong gehört zwar zu China, ist aber eine Sonderverwaltungszone. Also fühlt sich alles nach einem neuen Land an: neue Einreisebestimmungen, China-Ausreise, neue SIM-Karte, neue Währung, Linksverkehr – und auch ein anderes Leben. Für mich also Land Nummer 24. Vielleicht nicht offiziell, aber wenn ich über eine Grenze gehe und sich alles ändert, dann zähle ich es als neues Land.
Und sogar eine neue Sprache: Englisch sprechen hier fast alle, manche Kinder werden sogar auf Englisch erzogen, obwohl sie aus China kommen. Muttersprache ist dennoch Kantonesisch, die Sprache dieser Region. Der Kontrast ist verrückt – von China mit quasi keinem Englisch zu einem Ort, wo fast alle Englisch sprechen.
Aber Hongkong wurde auch teurer: Unterkunft, Essen – alles doppelt oder noch mehr. Also baute ich nach fast einem Monat mal wieder mein Zelt auf. In Hongkong gibt es extra Zeltplätze. Ich hatte Hongkong immer nur als Stadt im Kopf, zumindest vor meinem Aufenthalt. Aber es ist so viel mehr: Berge, Küste, Strände, Wälder, Seen – alles.
Am ersten Tag kam ich an einem Ort vorbei, an dem nur zwei Wochen zuvor ein großes Feuerunglück passiert war. Vier Hochhäuser standen wegen der Bambusgerüste in Flammen, viele Menschen verloren ihr Leben. Als ich sie aus der Ferne sah, war ich mir gar nicht sicher, ob es wirklich diese Gebäude waren – sie waren zu weit weg. Erst zwei Tage später, als ich meine Fotos anschaute, sah ich, dass es genau diese waren. Sie lagen gar nicht in einem zentralen Stadtteil, sondern weit außerhalb, und ich kam dort nur zufällig vorbei.
Am zweiten Tag in Hongkong, auf dem Weg in die Stadt, dachte ich kurz: Wow, was ist das für eine gute Fahrradinfrastruktur? Aber das war ein Trugschluss – sie hielt ganze zehn Minuten. Danach: gar nichts mehr. Ich würde fast sagen, die schlechteste Fahrradinfrastruktur einer Stadt, die ich je erlebt habe. Keine Parkmöglichkeiten, kaum Fahrräder oder Roller, nur Autos. Straßen komplett verrückt, viele Fußgängerbrücken, Schleifen, Umwege. Also lieber laufen – und das mache ich in Städten ohnehin sehr gerne.
Von Hongkong war mein Instagram Wochen zuvor voll gewesen. Jedes Reel: Hongkong. Das schürte die Vorfreude, aber auch die Erwartungshaltung. Deshalb war das Wow am Ende nicht so riesig – vielleicht sogar leicht darunter. Obwohl die Stadt schön ist und ihren eigenen Charme hat, gerade durch die unterschiedlichen Seiten, Inseln und Berge drumherum. Aber Social Media macht Erwartungen, und wieder einmal denke ich: Ohne Erwartungen wäre es besser gewesen.
Es war kurz vor Weihnachten, und ich entschied mich, Heiligabend in Hongkong zu verbringen. Ich dachte, hier bekomme ich zumindest etwas Weihnachtsstimmung – mehr als in einem Dorf auf dem chinesischen Festland. Um Geld zu sparen und noch mehr von Hongkong zu sehen, ging es noch einmal in die Natur. Nach einem steilen Anstieg war ich raus aus der Stadt und machte gegen Mittag eine Wanderung: Berge mit Wäldern, auf der einen Seite die Stadt, auf der anderen ein malerischer Sandstrand und in der Ferne viele kleine Inseln. Toll. So vielseitig.
Eigentlich wollte ich noch eine zweite Wanderung machen, aber dafür blieb keine Zeit. Also weiter mit dem Fahrrad zum Schlafplatz. Ob ich auf manchen Strecken überhaupt fahren durfte, keine Ahnung – eher nein, wenn man die Schilder betrachtet. Das letzte Stück musste ich sowieso laufen. Ich nahm nur das Nötigste mit, ließ das Fahrrad bei den Toiletten stehen und zeltete am Strand – ein offizieller, kostenloser Zeltplatz. Vielleicht der perfekte Ort, um am 24.12. aufzuwachen. Nach zu Hause bei der Familie natürlich.
Danach ging es zurück in die Stadt. Am Abend besuchte ich einen Carol Service, einen englischsprachigen Weihnachtsgottesdienst mit Lesungen und Liedern. Dort kam dann wirklich Weihnachtsstimmung auf. Es war schön, gemeinsam Weihnachten zu feiern. Englischsprachige Lieder und Lesungen waren für mich neu, aber gerade die Texte waren spannend – andere Bilder, andere Worte als bei uns. Ein tolles Erlebnis, und ich war froh, dass ich hingegangen bin.
Danach ging es weiter durch die Stadt, und sie war rappelvoll. Einige Chinesen vom Festland erzählten mir, dass viele internationale Firmen in China an Weihnachten frei haben . Die Straßen waren nicht nur voller Menschen, sondern auch voller Weihnachtschöre. Alle paar Meter ein neuer Chor. Wie im Film – nur ohne Schnee, dafür bei 20 Grad.
Gerade in Hongkong, durch die vielen unterschiedlichen Menschen, war alles extrem gemischt: Vor der Messe noch an einem buddhistischen Tempel vorbei, danach wurden an einer Moschee Korane verteilt. Weihnachten mit allen Religionen. Auch am nächsten Tag fiel mir diese Mischung wieder auf.
Am ersten Weihnachtstag verließ ich Hongkong Richtung Macau. Auf dem Weg zur Fähre sah ich schon: In den Parks war unglaublich viel los. Ein Schweizer Paar erklärte mir, dass sich viele Filipinos an Feiertagen dort treffen. Und tatsächlich – sie waren überall. Parks voller Menschen, Zelte, provisorische Hütten, Weihnachtsfeiern. Und auch hier wieder religiöse Mischung: Auf den Philippinen gibt es Christen und Muslime, und so saßen auch Frauen mit Kopftuch bei den Weihnachtsfeiern.
Die letzten Tage in China
Das war das letzte Bild, bevor die Fähre Richtung Macau ablegte. Leider etwas später als geplant. Nach einer Stunde war ich dann in einem neuen „Land“. Aber ich blieb nur kurz. Macau ist das Las Vegas von China: Glücksspiel auf dem Festland verboten, hier erlaubt. Entsprechend absurd die Unterkunftspreise. Da ich keine 100 Euro zahlen wollte, ging es nach einer Stunde Radtour wieder zurück aufs Festland. Viele Chinesen arbeiten in Macau, daher war die Grenze am Abend extrem voll. Meine vierte Einreise nach China, wieder neue 30 Tage Aufenthaaltserlaubnis.
Ab dort wollte ich eigentlich schnell vorankommen. Anfang Februar will ich in Kambodscha sein – das sind noch ein paar tausend Kilometer. Aber am Nachmittag entschied ich: Ab morgen beeilst du dich. Es gab noch eine Einladung. Beim ersten Mal lehnte ich ab, beim zweiten sagte ich zu. Ein paar Kilometer Umweg, aber naja – Einladungen in Ostchina hatte ich bisher noch nicht.
Es war nett und spannend, aber auch irgendwie komisch. Er sprach kaum Englisch, vieles lief über den Übersetzer. Wir fuhren zwei Stunden zu einem Restaurant – wegen des Abendverkehrs. Rückweg nur 45 Minuten. Für ein normales Abendessen schon seltsam. Das Essen war gut, aber nichts Besonderes. Danach noch ein bisschen durchs Dorf gelaufen, ein bisschen geredet – aber es passte nicht ganz. Trotzdem: Ich habe es nicht bereut.
Am nächsten Tag ging es dann wirklich weiter, schneller Richtung Süden. Ende des Jahres wurde nochmal richtig Strecke gemacht: 116, 145, 120, 140 Kilometer. Viel mehr als Fahren passierte nicht. Nicht die schönsten Strecken, viele Hauptstraßen, viel LKW-Verkehr. Aber es machte trotzdem Spaß, einfach zu fahren.
Ich blieb weiter meist im Hotel. Eigentlich hatte ich gedacht, jetzt wieder mehr zu zelten, aber die Preise waren gut, und Schlafplatzsuche teilweise schwierig. Nur einmal blieb keine Wahl. Dafür gab es abends oft noch spannende Eindrücke in Dörfern oder Städten, statt allein im Zelt zu liegen.
Für Silvester machte ich einen kleinen Umweg zur Küste nach Yinhai. Auch wenn Neujahr in China außerhalb der Metropolen kaum gefeiert wird, wollte ich nicht irgendwo im Nirgendwo zelten. Yinhai ist eine Küstenstadt und ein chinesischer Touristenort. Der Abend war okay, aber leider erwischte ich dort nach 3,5 Monaten China das schlechteste und gleichzeitig teuerste Essen. Halb so schlimm. China bleibt für mich trotzdem das Land mit dem besten Essen überhaupt – bitte nicht mit europäischen China-Restaurants vergleichen.
Am Strand ging es dann ins neue Jahr. Ein paar Chinesen feierten auch, wir zählten gemeinsam runter. Kein Feuerwerk. Alle reden immer vom Feuerwerksverbot – man muss einfach nach China kommen: An Silvester kein Feuerwerk, aber an allen anderen Tagen schon.
Ein neues Jahr, ansonsten blieb alles gleich: weiter Richtung Grenze. Noch zwei Tage China. Der Kopf fing an zu rattern, schaute zurück. Über drei Monate war ich in China. Viel erlebt, eine komplett andere Welt kennengelernt. Am letzten Tag dachte ich kurz: Schade, dass das China, das ich so mochte, sich zum Ende hin durch die Hauptstraßen weniger zeigte.
Aber dann, auf den letzten 30 Kilometern, bog der Weg ab. Ich fuhr durch Dörfer – und sah wieder ein anderes China, das ich selbst nach 3,5 Monaten noch nicht kannte. Anderes Dorfleben, andere Häuser, andere Landwirtschaft. Und auch die Menschen waren anders – weniger zurückhaltend, vielleicht schon eine Mischung Richtung Vietnam.
Im chinesischen Grenzdorf schlief ich dann noch. Vom Hotel konnte ich schon nach Vietnam schauen. Der letzte China-Abend. Und es war wieder China: ein letztes Mal Lanzhou-Nudeln, Streetfood, Blicke, Selfies, Komplimente. Selbst im Grenzdorf war ich als Weißer etwas Besonderes.
Am nächsten Mittag, nach einem entspannten Morgen, hieß es: Bye bye China – oder lieber auf Wiedersehen. Ein Wiedersehen ist noch nicht geplant, aber im Kopf existiert es schon.
Der Grenzübergang fühlte sich schwerer an, als ich erwartet hätte. Vielleicht, weil ich dort die meiste Zeit der Reise verbracht hatte. Vielleicht auch einfach, weil es China war.
Eine Woche später saß ich irgendwo in Vietnam und scrollte durch mein Handy. Ein Bild aus Shanghai. Ein Reel von jemandem, der gerade durch ein chinesisches Dorf fuhr. Straßen, die ich kannte. Gesichter, die mir plötzlich vertraut vorkamen. Und für einen Moment dachte ich: komisch, eigentlich vermisse ich das gerade.
Ich weiß nicht genau, warum mir China so nahegegangen ist. Die letzten Wochen waren oft unspektakulär, viel Straße, viel Fahren. Und trotzdem war es gut. Vielleicht gerade deshalb.
China war kein Land der großen Momente für mich, sondern der vielen kleinen. Und manchmal merkt man erst, wie sehr man etwas mochte, wenn es plötzlich vorbei ist.







Kommentar schreiben
Sandra (Dienstag, 20 Januar 2026 04:16)
Toll, wie sehr man deine Freude an diesem Land rauslesen kann. Ich glaube keiner, der nicht selbst, so wie du, mit dem Rad durch dieses Land reist, wird diese Liebe je ganz verstehen. Wobei diese großartigen Bilder, z.B. von deiner Wanderung , schon deutlich machen, wie schön China sein kann.
Jetzt sieh zu, dass du nach Kambodscha kommst.
Bis bald, Mama